„Rot-Weiss war und ist eben mein Leben!“

Retro-Trikots sind in aller Munde. Besonders dann, wenn sie an eine Zeit erinnern, die sich so mancher Fan sehnlichst zurückwünscht. Im Falle des von COPA neu aufgelegten Jerseys von Rot Weiß Essen aus den 70ern trifft genau das zu. Das Trikot ist eine Reminiszenz an die erfolgreichste Ära des Traditionsclubs und einstigen Bundesligisten. Einer, der diese Zeit entscheidend prägte, war Willi Lippens. Im Trikot-Flashback spricht der Publikumsliebling über legendäre Begegnungen gegen die Bayern und Schalke 04, den geplatzten Wechsel zu Ajax Amsterdam und weitere Highlights aus der Blütezeit der Rot-Weissen.

Keine zehn Minuten waren gespielt, als es im Kasten vom Essener Schlussmann Fred-Werner Bockholt erstmals klingelte. Kein Geringerer als der „Bomber der Nation“ Gerd Müller traf für die favorisierten Gäste des FC Bayern München. Der ausgelassenen Stimmung im mit 25.000 Zuschauer ausverkauften Georg-Melches-Stadion tat das 0:1 indes keinen Abbruch. Die Anhänger der Rot-Weissen feuerten ihr Team unbeeindruckt weiter an. Und sie sollten belohnt werden. Per Kopf leitete Willi Lippens die viel umjubelte Wende an jenem 13. Februar 1971 ein. 1:1! Als Walter Hohnhausen mit einem Doppelpack in der 65. und 66. Minute auch noch auf 3:1 erhöhte, kochte das Stadion an der Hafenstraße über. Die mit den Weltstars gespickte Elf von Trainer Udo Lattek um Gerd Müller, Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer und Sepp Maier war geschlagen. „Ein Sieg gegen die Bayern“, betont Willi Lippens, „war jedes Mal ein innerer Reichsparteitag, ein absoluter Saison-Höhepunkt!"

Willi „Ente“ Lippens – Leistungsträger und Publikumsliebling

Nicht selten zählte Lippens dabei zu den entscheidenden Spielern. Der quirlige Angreifer, der aufgrund seines Watschelgangs den Beinamen „Ente“ erhielt, war Identifikationsfigur und Aushängeschild der Essener. Ein echter Typ, der selten ein Blatt vor den Mund nahm. Und es bis heute nicht tut. „In meinem Laufstil waren Körpertäuschungen enthalten, die andere nicht erlernen konnten. Dieser Seemannschritt, er war angeboren. Einen solchen Spielertypen gibt es heute nicht mehr!“ Lippens elektrisierte die Zuschauer. Und sie elektrisierten ihn. „Ich war immer ein Spieler, der von der Stimmung an der Hafenstraße getragen wurde.“ Für die Vereinsverantwortlichen Fluch und Segen zugleich. Eines Tages nach Gesprächen über die Vertragsverlängerung warteten seine Mitspieler gespannt auf das Ergebnis. „Die Jungs fragten mich: ,Willi, wie ist es gelaufen?´“ Lippens Antwort: „Die brauchen immer noch ein Sauerstoffzelt!“

Der RW-Torjäger wusste um seinen Stellenwert im Verein. Er polarisierte. „Es war natürlich ein schmaler Grat! Aber wenn man so spielte wie ich seinerzeit, dann konnte man sich solche Dinge eben erlauben“, grinst er. Binnen der ersten zwei Bundesligaspielzeiten von 1969 bis 1971 erzielte „Ente“ 31 Tore in 50 Spielen. Neben den Duellen gegen die Bayern stieg die Vorfreude besonders gegen die Lokalrivalen. „Wir waren damals die dritte Kraft hinter Schalke und Dortmund. Die Derbys waren echte Highlights!“ In besonderer Erinnerung ist ihm der 19. September 1970 geblieben:

„Wir spielten auf Schalke und hätten normalerweise nach 20 Minuten mit 3:0 führen müssen.“ Lippens hatte die Rot-Weissen bereits mit 1:0 in Führung geschossen, zwei weitere Tore wurden ihm aberkannt. Dann gab es Elfmeter für die Schalker. „Unser Torwart Bockolt lenkte den Ball an die Latte und obwohl er vor der Linie aufkam, wurde das Tor gegeben", was die Gemüter erhitzte. „Wir gingen auf die Barrikaden, unsere Fans auch. Plötzlich standen 3000 bis 4000 Leute auf dem Platz. Damals gab es ja noch keine Zäune. Es war unfassbar, der eine hat dem anderen in den Hintern getreten, das Spiel stand kurz vor dem Abbruch.“ Nach Unterbrechung dauerte es, ehe sich beide Lager wieder beruhigten. „Am Ende verloren wir mit 1:4, Sowas vergisst du nicht.“

„Wir sind sauber abgestiegen. Das war auch was!“

Dass die Niederlage gegen Schalke etwas mit dem wenige Monate später aufgedeckten Bundesligaskandal zu tun gehabt haben könnte, glaubt Lippens nicht. „Das möchte ich niemandem unterstellen!“

Dabei zählten die Essener zu den Leidtragenden des größten Skandals in der Geschichte der Bundesliga. „Gewannen wir, gewann seltsamerweise auch die Konkurrenz. Wir haben uns immer gewundert, aber ein Bestechungsskandal war damals außerhalb unserer Vorstellungskraft. Das hielten wir einfach nicht für möglich!“ Am 6. Juni 1971 deckte der Präsident der abgestiegenen Offenbacher Kickers Horst-Gregorio Canellas alles auf, indem er DFB-Funktionären ein Tonband vorspielt, das keinen Interpretationsspielraum mehr ließ. „Man hat uns ganz klar beschissen. Andere beteiligte Teams wie Bielefeld erhielten eine Strafe, wir stiegen ab. Positiv an diesem für uns schlimmen Jahr war eigentlich nur, dass wir sauber abgestiegen sind. Das war auch was!“

Gleichzeitig war der Abstieg in die Regionalliga West für den zu diesem Zeitpunkt 25-Jährigen sportlich ein herber Rückschlag. „Ich war so bekloppt und blieb. Rot-Weiss war und ist eben mein Leben!“ Dabei hätte sich Lippens die Vereine aussuchen können. Ob Hertha, Gladbach, Schalke, Rotterdam oder Barcelona - zahlreiche Clubs bekundeten ihr Interesse.

„Mit mir wäre Holland Weltmeister geworden!“

So richtig konkret wurde es allerdings nur bei Ajax Amsterdam. Der holländische Top-Club unterbreitete im Winter 1970 ein Angebot über 870.000 Mark. „Die Presse hatte den Wechsel schon als perfekt vermeldet.“ Weil die Vereinsverantwortlichen aber intervenierten - „Man hatte Respekt vor der Reaktion der Fans. Sie dachten: Wenn der Lippens geht, reißen die uns hier die Bude ab!“ - platzte der Wechsel. Nicht ganz nach dem Geschmack des Torjägers: „Diesen Schritt wäre ich gegangen, auch im Hinblick auf meine Perspektive in der Nationalmannschaft.

Denn die wäre bei einem Wechsel sicherlich anders verlaufen. Der Sohn eines Holländers und einer Deutschen debütierte am 24. Februar 1971 im Dress der holländischen Nationalelf beim Spiel gegen Luxemburg (6:0). Seite an Seite mit Johan Cruyff und Johan Neeskens. Im Rotterdamer „de Kuip“ traf Lippens sogar zum 1:0, doch es blieb zu Lippens großem Bedauern bei diesem Länderspiel. „Ich hätte während der Vorbereitung auf das Spiel sofort abhauen müssen.“ Es gab gewisse Ressentiments gegenüber dem „Deutschen“, der auf Drängen seines Vaters für die Elftal auflief. „Hätte ich für Deutschland gespielt, hätte ich nicht mehr nach Hause kommen dürfen. Mein Vater war aufgrund seiner Erfahrungen mit den Deutschen im 2. Weltkrieg ein strikter Deutschland-Gegner. Und das Wort des Vaters war damals das Evangelium!“ Spätestens als „Ajax-Mann“ Rinus Michels die holländische Nationalelf übernahm, war die Nationalelfkarriere Lippens in Holland beendet. „Es gab einfach keinen Kontakt mehr“, der die Entscheidung längst verdaut hat. „Im Nachhinein war es gut für Deutschland. Mit mir wäre Holland im WM-Finale 1974 Weltmeister geworden. Vermutlich hätte ich dann auswandern müssen!“

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„Trainer, ich brauche sie nicht mehr!“

Statt der Europacupabenteuer mit Ajax traf Lippens also mit den Rot-Weissen in der Regionalliga West auf den Wuppertaler SV, Viktoria Köln oder Wattenscheid 09. Unter einem Trainer, mit dem der eigenwillige Stürmer von Beginn an nicht das beste Verhältnis pflegte - Horst Witzler. „Kurz nach seinem Amtsantritt bat er um ein Gespräch. Er sagte zu mir: ,Hören Sie mal Wilhelm, ihre extravagante Art gefällt mir nicht. Mit mir machense das nicht, ansonsten brauch´ ich sie nicht!´“ Schwierige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. „So dumm konnte man eigentlich gar nicht sein. Gleich zu Beginn hat er es sich mit dem dicksten Brocken im Team verscherzt.“

Und dennoch, 1973 machten die Rot-Weissen den Wiederaufstieg nach zwei Jahren Zweitklassigkeit perfekt. Fortan gastierten an der Hafenstraße wieder die Bundesligagrößen aus München, Dortmund oder Gelsenkirchen. Wenngleich der Aufstiegstrainer Witzler davon nicht mehr viel miterlebte. Lippens: „Es lief am Anfang nicht, man beurlaubte ihn. Als ich davon Wind bekam, wartete ich vor seinem Auto, um ihn mit den Worten zu verabschieden: ,Trainer, ich brauche sie nicht mehr!´“

In den folgenden drei Spielzeiten trug Lippens mit 38 Toren maßgeblich zum Klassenerhalt bei. Nachdem er 1976 den Verein in Richtung Borussia Dortmund verließ, bröckelte es bei den Rot-Weissen, die prompt abstiegen. „Natürlich hat das geschmerzt. Auch wenn ich nicht mehr für RW spielte!“ Nach zwei Spielzeiten beim BVB wechselte Lippens 1979 zu den Dallas Tornados in die Major League Soccer. Ein weiteres Jahr verging, ehe er zum inzwischen in der 2. Liga gestrandeten Traditionsverein zurückkehrte. Zum erneuten Aufstieg reichte es jedoch nicht mehr für die Essener und ihren Publikumsliebling, der seine Karriere 1982 nach 242 Erstligaspielen und 92 Toren bei Rot-Weiß Oberhausen beendete.

Und heute?

Der inzwischen70-Jährige lebt mit seiner Frau in Bottrop auf dem „Lippenshof“, wo sein Sohn das Restaurant betreibt, dessen Name „Ich danke Sie“ an eine weitere Anekdote erinnert, die zu Lippens Status als Publikumsliebling beigetragen hat: Als er mit seinem Club im Jahr 1965 im Regionalliga-Spiel bei Westfalia Herne spielte, verwarnte ihn der Schiedsrichters mit den Worten: „Herr Lippens, ich verwarne Ihnen“. Der Verwarnte entgegnete schlagfertig: „Herr Schiedsrichter, ich danke Sie!“ Prompt wurde er des Feldes verwiesen und erhielt anschließend eine 14-tägige Sperre wegen respektlosen Verhaltens.

Unweit vom „Lippenshof“ befindet sich das neue "Stadion Essen". Von Bundesliga-Luft sind die Rot-Weissen derzeit weit entfernt. Der Traditionsclub ist in der 4. Liga angekommen. Erneut heißen die Gegner in der Regionalliga West Wuppertaler SV, Viktoria Köln und Wattenscheid 09. Doch der Traum vom Profifußball lebt: „Essen will den Aufstieg“, lautet der Slogan auf der Vereinshomepage. Vielleicht geht der Traum bald in Erfüllung und an der Hafenstraße gastieren bald wieder die ganz Großen. Wie damals am 13. Februar 1971, als die Bayern nach den Toren von Lippens und Hohnhausen mit 3:1 nach Hause geschickt wurden...

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