„Mit dem Trikot von Maradona habe ich geduscht!“

In Mönchengladbach entwickelte er sich Anfang der 80er zu einem der meist gefürchteten Abwehrspieler der Liga. Mit dem SV Werder Bremen wurde er Meister, Pokalsieger und Europacupgewinner. Sein Spitzname: die Axt. Uli Borowka gewährt einen Einblick in seine Trikotsammlung und verrät, wie er in seinem ersten Länderspiel für die Nationalelf Diego Armando Maradona ausschaltete und später zum Trikottausch bewegte.

Es lief die 107. Minute, als Hans-Jörg Criens mit seinem Tor am 1. Mai 1984 das prall gefüllte Bökelberg-Stadion explodieren ließ. Dieses Mal sollte der SV Werder Bremen nicht mehr zurückkommen, es blieb beim 5:4 für Borussia Mönchengladbach in einem der legendärsten Pokalhalbfinalspiele aller Zeiten. Die Vorlage zum entscheidenden Treffer servierte der Spieler mit der Nummer 13, Ulrich Borowka. „Der Verlauf dieser Partie war kurios.“ Nicht nur wegen der Tore. „Während des Spieles explodierte eine Tränengasbombe, einige Spieler rieben sich die Augen. Kurz vor Schluss faustete unser Keeper Ulrich Sude mal wieder neben den Ball und brach Uwe Rahn noch das Nasenbein. Es war der Wahnsinn!“

„Kommst du über die Mittellinie, breche ich dir beide Beine!“

Zu diesem Zeitpunkt war "die Axt", wie der gelernte Maschinenschlosser liebevoll genannt wurde, bereits kein Unbekannter mehr. Mehr als 40 Spiele hatte er in Liga 1 absolviert. „Zweikampfstärke, Physis und Ehrgeiz zählten zu meinen Stärken.“ Notwendige Eigenschaften, um sich im Kader der Borussen durchsetzen zu können. „1980 erhielt ich einen Edelamateurvertrag.“ Das bedeutete: bis zu drei Trainingseinheiten am Tag, dazu ein Wochenendspiel bei den Amateuren. „Bei den Profis saß ich zudem auf der Bank. Es war brutal! Sobald du ein Anzeichen von Schwäche gezeigt hast, warst du weg. Da musste man ganz einfach durch!“ Borowkas damaliger Trainer Jupp Heynckes war angetan vom Willen des damals 17-Jährigen. „Er sah bei mir von allem etwas, es passte nur noch nicht zusammen.“ Heynckes formte den kantigen Abwehrspieler, zu dessen Mitspielern neben Criens, Rahn, Michael Frontzeck, Wilfried Hannes auch Lothar Matthäus zählte. „Lothars Fähigkeiten wären heute noch gefragt. Was er an Schnelligkeit, Dynamik und Physis mitbrachte, war einfach außergewöhnlich!“ Und lehrreich. „Bei diesen Mitspielern konntest du dir viel abschauen.“ Im März 1982, als Borussia Mönchengladbach in Nürnberg gastierte (2:3), debütierte Borowka. Es war das erste von insgesamt 388 Bundesligaspielen.

Borowka entwickelte sich unter Heynckes zu einem der besten und meist gefürchteten Verteidiger der Liga. Manchmal reichte ihm ein Satz, um einen entspannten Samstagnachmittag zu erleben. Den jungen Olaf Thon warnte Borowka unmittelbar vor dessen Bundesligadebüt 84´ im Kabinengang: „Kommst du über die Mittellinie, breche ich dir beide Beine. Ende!“ Thon gehorchte. „Natürlich habe ich im Kabinengang schon gesehen, dass er flatterte. Das war psychologische Kriegsführung.“ Die auch bei anderen Gegenspielern funktionierte. „Bei Jürgen Klinsmann oder Andreas Möller war es nicht anders.“ Dass Borowka von seinen Berufskollegen einst zum größten Treter der Bundesliga gewählt wurde, „gefiel mir! Ich war ein Adrenalinjunkee, der das brauchte. Wer mich wählte“, rätselt Borowka bis heute, „weiß ich nicht. Klinsmann und Möller habe ich mal gefragt, aber die haben nur geantwortet: ,Mit der Sache habe ich nichts zu tun!´“

„Wir waren der ewige Zweite!“

Zu einem Titel auf sportlicher Ebene reichte es im Dress der Gladbacher indes nicht. „Wir waren der ewige Zweite!“ Die Meisterschaft verpassten die Borussen 84´ nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses. Das 84er Finale im DFB-Pokal gegen den FC Bayern München wurde erst im Elfmeterschießen entschieden. Borowka traf zum zwischenzeitlichen 2:2. „Ich wusste nicht wohin mit dem Ball, also schoss ich durch die Beine von Jean-Marie Pfaff.“ Lothar Matthäus, der nach der Saison zu den Bayern wechselte, verschoss einen Elfmeter. „Nach dem Spiel gab es noch Ärger, weil man Lothar Absicht unterstellte. Doch wer ihn kannte“, versichert Borowka, „der wusste, dass er das niemals gemacht hätte!“

Auch Borowka war sich drei Jahre später mit den Bayern einig. „Acht Wochen vor dem Saisonende rief Uli Hoeneß an und wollte mich verpflichten. Der Wechsel stand eigentlich fest!“ Bis der Rekordmeister auch Jupp Heynckes aus Gladbach verpflichtete. „Hoeneß rief erneut an: ,Uli, ich muss dir wieder absagen. Wir haben Jupp Heynckes verpflichtet, er will kein böses Blut mit der Borussia!´“

„Fertig machen zum Abtakeln!“

Stattdessen schloss sich Borowka im Sommer 1987 dem SV Werder Bremen an. „Otto Rehhagel bemühte sich sehr um mich, der Wechsel war innerhalb von 48 Stunden eingetütet!“ Und er war Gold wert für die Karriere des damals 25-Jährigen. Gleich in seiner ersten Saison 87 / 88 holte er mit Werder die Schale – der zweite Meistertitel überhaupt für die Grün-Weißen. Daran geglaubt hatte zu Saisonbeginn niemand. „Nie vergessen werde ich die Titelzeile einer Tageszeitung: ,Fertig machen zum Abtakeln!´“ Man traute der Werder-Elf nach dem großen Aderlass – unter anderem verließen Rudi Völler und Bruno Pezzey den Klub – nicht viel zu. Zumal neben dem Eisenfuß Borowka „nur“ ein unbekannter Stürmer namens Karlheinz Riedle von Blau-Weiß 90 Berlin verpflichtet wurde. Doch mit 18 Toren schlug der spätere Weltmeister voll ein. Drei Spieltage vor Saisonende wurde Werder Meister. Auch Borowka zählte mit 31 Spielen zu einem Eckpfeiler der Meisterelf.

„Mit dem Trikot von Maradona habe ich geduscht!“

Das Jahr 1988 – es war nicht nur aufgrund der Meisterschaft ein besonderes für den späteren Bremer Publikumsliebling. Franz Beckenbauer nominierte ihn erstmals für die Nationalmannschaft.

Im Olympiastadion in Berlin absolvierte er sein erstes Länderspiel. Gegen Argentinien, amtierender Weltmeister mit einem Akteur in den eigenen Reihen, der in seiner eigenen Liga spielte: Diego Armando Maradona. „Der Junge war zu diesem Zeitpunkt auf einem verdammt hohen Level. Wie er schon beim Warmmachen den Ball jonglierte, es war atemberaubend.“ Wenige Minuten später konnte sich „die Axt“ von den technischen Qualitäten des Weltstars aus nächster Nähe ein Bild machen. „Eigentlich sollte ich gegen Caniggia spielen, doch die beiden wechselten die Seiten. Also musste ich gegen Maradona ran!“ Mit Erfolg. „85 Minuten lang“, so Borowka, „habe ich auf ihn eingetreten!“ Deutschland gewann dank des Treffers von Lothar Matthäus mit 1:0.

„Kurz vor dem Abpfiff merkte ich, dass Matthäus, Völler und Kohler Maradona auf das Trikot ansprachen. Dann habe ich mir gedacht: Kannst du eigentlich auch machen. Als ich Maradona fragte, guckte er mich an wie ein kaputtes Auto. Ausgerechnet ich, der ihn während des gesamten Spieles mehrfach umnagelte. Glücklicherweise wurde das Spiel auf Höhe der Mittellinie abgepfiffen. Ich habe mir Maradona dann geschnappt, die vier, fünf Treppen im Olympiastadion runtergeschubst und ihm das Trikot ausgezogen. Anschließend duschte ich auch mit dem Trikot. Ansonsten hätte es mir Matthäus oder jemand anders noch geklaut. Das waren alles Schlitzohren!“

Der Rücktritt nach sechs Länderspielen

Dem ersten Auftritt im Dress der Nationalmannschaft folgten fünf weitere. Zunächst das Freundschaftsspiel gegen Jugoslawien (1:1), danach alle vier Begegnungen während der Europameisterschaft im eigenen Land. Im Duell der Erzrivalen zwischen Deutschland und Holland schaltete er Ruud Gullit aus. Und dennoch: Die mit den Stars gespickte Elftal setzte sich im Halbfinale mit 2:1 vor 61.300 Zuschauern im Hamburger Volksparkstadion durch. Marco van Basten erzielte in der 89. Minute den entscheidenden Treffer. Nicht nur der Traum vom zweiten EM-Titel in dieser Dekade war geplatzt, das Duell gegen Holland blieb gleichzeitig Borowkas letzter Auftritt im Dress der Nationalelf. „Das Ausscheiden“, betont er, „wollte man mir in die Schuhe schieben. Ich trat daraufhin zurück und verzichtete auch auf Olympia in Seoul!“ Zwar bereut er diesen Schritt bis heute nicht, „aber einige Dinge hätte ich diplomatischer lösen sollen. Ich befand mich in einem falschen Film, es lag auch an meinem Alkoholkonsum.“

So lehnte Borowka in diesen Wochen auch eine Offerte ab, über die viele Spieler nicht einmal nachdenken würden. „Der FC Barcelona machte mir ein Angebot. Ich sollte Ronald Koeman beerben. Nach nur einer Spielzeit wollte ich Werder aber nicht verlassen. Ich fühlte mich wohl dort!“ Eine Entscheidung, die er in den Folgejahren nicht bereuen sollte.

„Das Spiel gegen Spartak Moskau war Gold wert für uns!“

Denn mit den Grün-Weißen erlebte Borowka die erfolgreichste Zeit der Vereinshistorie. Nach dem Meistertitel 88´ sicherte sich die Mannschaft von Otto Rehhagel 1993 erneut die Schale. 1991 und 1994 gewann Werder den DFB-Pokal. Den bis heute größte Erfolg verzeichneten die Bremer 1992 nach dem 2:0-Sieg im Finale des Europapokales der Pokalsieger gegen den AS Monaco.

„Das wichtigste Spiel“, betont er heute, „war allerdings die Partie gegen Spartak Moskau 1987.“ In Moskau verlor Werder in der 2. Runde des UEFA-Pokals zunächst deutlich mit 1:4. Also musste eine Überraschung her, um noch in die nächste Runde einzuziehen. Das erste "Wunder von der Weser" - es sollte tatsächlich geschehen. Frank Neubarth erzielte binnen der ersten zehn Minuten zwei Tore. „Danach wurde Spartak unsicher!“ Was die Hausherren ausnutzten. Werder gewann in der Verlängerung noch mit 6:2. „Dieses Erlebnis war Gold wert für uns als Mannschaft! Es gab einen Ruck, ab diesem Moment wussten wir, was man erreichen kann. Viele Spiele und Ergebnisse der Folgejahre haben mit dem Duell gegen Moskau zu tun!“

Ob das Achtelfinale im UEFA-Cup gegen den Favoriten SSC Neapel 1989 (3:2, 5:1), in denen Maradona Borowka sein Trikot freiwillig anbot – „ich muss wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben“, die Begegnungen in der Vorrunde des Landesmeisterpokals 1988 gegen Dynamo Berlin (0:3, 5:0) oder die unglaubliche Aufholjagd im Champions League Vorrundenspiel gegen den RSC Anderlecht 1993, als die Rehhagel-Elf nach einem 0:3-Pausenrückstand noch mit 5:3 gewann, Werder sorgte für etliche Überraschungen.

„Unsere mannschaftliche Geschlossenheit machte den Unterschied aus. Nach dem Sieg gegen Monaco fragte Dieter Eilts während der Siegesfeier: ,Wie hoch ist eigentlich unsere Siegprämie?´ Niemand hat sich darüber vorher Gedanken gemacht, jeder war nur auf den Sieg und dieses Spiel fokussiert. Wir waren einfach eine geile Truppe!“

„Nach dem Gespräch hatte ich meine dritte Abmahnung auf dem Tisch!“

Zwar sorgte der damalige Werder-Manager Willi Lemke dafür, dass die Mannschaft ihre Prämie bekam. Das Tischtuch zwischen ihm und Borowka ist allerdings bis heute zerschnitten. „1996 lag mir zur Winterpause ein Angebot von Leeds United vor. Zuerst hieß es: ,Wir legen dir keine Steine in den Weg!´ Als Leeds mich nach zwei Wochen Probetraining haben wollte, verlangte Lemke plötzlich eine Ablösesumme.“ Der Wechsel kam nicht zustande. Pech für den 34-Jährigen, der zwei Wochen nach dem geplatzten Deal von Lemke nochmals in dessen Büro gebeten wurde. „Dann meinte er zu mir: ,Uli, wir lassen dich doch ablösefrei gehen!´ Nach diesem Gespräch hatte ich meine dritte Abmahnung auf dem Tisch.“

Der Publikumsliebling verließ Werder 1996 im Streit – nach neun titelreichen Jahren. Und ohne Verabschiedung von den Fans. In den Folgejahren kickte Borowka noch für Hannover 96 und wurde als erster deutscher Spieler mit Widzew Lodz polnischer Meister.

Volle Pulle – Mein Doppelleben als Fußballer

Wie der inzwischen 53-Jährige trotz des permanenten Alkoholkonsums eine Karriere als Profisportler machte, darüber sprach er mit dem 11-Freunde-Redakteur Alex Raack. 2012 veröffentlichte er das Buch „Volle Pulle“ – Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker (siehe Amazon-Link). Borowka berichtet in seiner typisch direkten und kompromisslosen Art von Alkohol und Fußball, Freunden und Feinden, Enttäuschungen und Unterstützung.

2013 gründete er den Verein Suchtprävention und Suchthilfe e.V.. Heute hält der in Hämelerwald bei Peine lebende Ex-Profi Lesungen in Schulen und Vereinen. „Alkoholkonsum bleibt ein aktuelles Thema. Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben!“ Um seinen Verein finanziell zu unterstützen, plant er für die Zukunft den Verkauf einiger legendärer Trikots, die er im Verlauf seiner langen Profikarriere gesammelt hat. „Ich besitze heute noch über 100 Trikots. Mit dem Erlös Kindern helfen zu können, ist eine schöne Sache!“

Meine Ex-Profis

Ein Jersey wird er nicht mehr versteigern können: das von Ronald Koeman. Dem Spieler, den er einst beim FC Barcelona beerben sollte und der sich nach dem 2:1-Sieg im EM-Halbfinale 1988 mit dem getauschten Trikot von Olaf Thon noch medienwirksam den Hintern abwischte. „Ich habe es nach dem Spiel in unserer Kabine gefunden. Es lag in einer Ecke unter der Spielerbank. Jahre später“, so Borowka, „habe ich es einem holländischen Sammler gegeben. Dort ist es in guten Händen!“

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