„Für meine Entwicklung war England unheimlich wichtig!“

Stefan Beinlich blickt auf eine erfolgreiche Bundesligakarriere zurück. Ob bei Hansa Rostock, Bayer Leverkusen, Hertha BSC oder dem Hamburger SV – der technisch versierte Linksfuß zählte stets zu den Leistungsträgern seiner Clubs. Heute sucht der 44-Jährige die große Bühne nur noch, wenn er anderen damit helfen kann. Ob mit dem „Spiel für die Lizenz“ zugunsten seines Herzensvereins Hansa Rostock oder bei den „GoFus“, den golfenden Fußballern. Bei vergissmeintrikot.net erinnert sich der in Rostock lebende Familienvater an die Highlights seiner Laufbahn zurück und präsentiert seine aufbewahrten Jerseys.

Dass es überhaupt zum Wechsel kam, war auch einem Auftritt im DFB-Pokal geschuldet. In der Berliner Nordendarena besiegte die SG Bergmann Borsig Berlin vor 400 Zuschauern den SC Freiburg mit 2:1. Stefan Beinlich erzielte an jenem 17. August des Jahres 1991 beide Tore gegen den von Volker Finke trainierten Zweitligisten. Die Scouts von Aston Villa, denen Beinlich und dessen Mitspieler Matthias Breitkreutz schon während eines Trainingslagers in Holland ins Auge stachen, setzten sich mit den Talenten an einen Tisch. "Nach einem Spiel gegen den Spandauer SV trafen wir uns in einem Restaurant, das auch als Gartenlaube hätte durchgehen können", schmunzelt „Paule“, wie ihn sein Jugendtrainer Helmut Koch beim BFC Dynamo aufgrund der vielen Stefans und Steffens im Team nannte. Die Parteien einigten sich auf eine Gastspielerlaubnis - Beinlich und Breitkreutz durften bei Villa vorspielen.

Dwight York – Sturmpartner und Nachbar in Birmingham

„Der Empfang“, erinnert sich Beinlich, „war Wahnsinn! Wir sind erste Klasse nach England geflogen und wurden mit dem Rolls Royce vom Flughafen abgeholt. Übernachtet haben wir im Hyatt in Birmingham!“ Ansporn genug, um die Chance im Spiel der Reserve-Teams zwischen Aston Villa und Manchester City zu nutzen. „Wir gewannen 2:1, Matthias erzielte das 1:0, ich das 2:0!“ Argumente genug für die Verantwortlichen von Aston Villa. „24 Stunden“, erinnert sich Beinlich, „hatten wir Zeit, um uns zu entscheiden.“ Und natürlich sagten beide zu. „Für die persönliche Entwicklung war England unheimlich wichtig für mich“, betont er. Doch sportlich hätte es besser laufen können. „Ich war noch nicht so weit!“ 16 Einsätze absolvierte der Freistoßexperte in der ersten Mannschaft. „Spielpraxis sammelte ich in der Reserve-Mannschaft.“ An der Seite eines Spielers, dessen beste Jahre ebenfalls noch folgen sollten: Dwight Yorke. Der Stürmer aus Trinidad & Tobago sollte später zusammen mit Andy Cole bei Manchester United das gefährlichste Sturmduo Englands bilden. „Ja, der durfte mit mir spielen“, grinst Beinlich.

„Die Zeit bei Aston Villa waren Lehrjahre!“ 1994, drei Jahre später, wechselten Beinlich und Breitkreutz zurück nach Deutschland: zu Hansa Rostock. Frank Pagelsdorf, Trainer des Zweitligisten, verpflichtete die befreundeten Offensivakteure.

„Wir werden nicht nur aufsteigen, wir werden Erster!“

„Pagel sagte zu mir: ,Du wirst deine Chance bekommen. Ob du sie nutzt, liegt an dir!´“ Und Beinlich nutzte sie. 15 Toren in 34 Spielen – so lautete die eindrucksvolle Bilanz des 23-Jährigen in seiner ersten Spielzeit bei den Hanseaten, die als Tabellenerster in das Oberhaus aufstiegen. „In den ersten Saisonspielen hatten wir das nötige Quäntchen Glück. Daraus entwickelte sich dann eine Euphorie. Die Zuschauerzahlen nahmen zu!“ Und Frank Pagelsdorf sorgte dafür, dass die Mannschaft weiter konzentriert arbeitete. „Er war besessen vom Erfolg.“ Ein Beispiel: „Die Trainingseinheiten dauerten teilweise so lange, bis seine Mannschaft gewann!“ Verloren die Hanseaten am Spieltag, „war er bis zum nächsten Donnerstag bockig.“ Auch nach der 0:1-Heimniederlage gegen den Aufstiegskandidaten Waldhof Mannheim im Oktober 94 stellte sich die Mannschaft auf eine Eiszeit ein. „Doch dieses Mal überraschte uns Pagel. Beim Frühstück sagte er: ,So Jungs, ich habe jetzt alle Mannschaften gesehen, keine ist besser als wir. Wir werden nicht nur aufsteigen, wir werden Erster!“ Die Ansage eines Trainers, der mit seinen Aktionen die Mannschaft stets zu kitzeln wusste. „Sergej Barbarez nahm er in der 1. Bundesliga zweimal nach 20 Minuten vom Platz.“
Die Folge: Unter Pagelsdorf erlebte Hansa in den 90ern die Blütezeit der Vereinsgeschichte. 1995 / 1996 wurden die Hanseaten überraschend Tabellensechster in der 1. Bundesliga und verpassten nur knapp die Teilnahme am europäischen Wettbewerb. „Im zweiten Jahr wurde es schwieriger, aber wir hielten die Klasse!“ Neben Jonathan Akpoborie zählte Beinlich zu den torgefährlichsten Akteuren der Rostocker. Die Qualitäten des Mittelfeldregisseurs blieben auch der Konkurrenz nicht verborgen. Schalke 04 und Bayer Leverkusen klopften an. „Ich entschied mich für Bayer, auch aufgrund der Perspektive in der Nationalmannschaft!“

Gegen Malta debütiert Beinlich im DFB-Trikot

1998, ein Jahr nach seinem Wechsel zu Bayer Leverkusen streifte er erstmals das Trikot der Nationalmannschaft über. „Ich war unglaublich stolz. Für das eigene Land aufzulaufen, ist einfach etwas Besonderes!“ Unter der Leitung von Berti Vogts gewann die DFB-Elf dank eines Treffers von Stephan Paßlack in der 76. Minute mit 2:1. Es war das erste von insgesamt fünf Spielen für Beinlich im DFB-Dress. „Oft war ich zur falschen Zeit verletzt!“ Oder der Trainer entschied sich gegen Beinlich. Erich Ribbeck verzichtete auf eine Nominierung des Freistoßexperten zur Europameisterschaft 2000, trotz einer sehr starken Saison für Bayer mit 11 Toren und 8 Vorlagen in 29 Spielen. „Begeistert war ich nicht“, so Beinlich, für den die EM eine gute Gelegenheit gewesen wäre, um eines der legendärsten Bundesligafinals zu verdrängen.

„Auch nach acht Stunden wäre Unterhaching als Sieger vom Platz gegangen!“

Im Mai 2000 hätte Bayer Leverkusen mit einem Sieg am 34. Spieltag gegen die Spvgg Unterhaching die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte perfekt machen können. Doch das, was in dieser Partie mit der über weite Strecken der Saison so grandios aufspielenden Werkself geschah, ist bis heute ein Rätsel für Beinlich, der 90 Minuten lang durchspielte. „Wir hätten noch acht Stunden weitermachen können, Unterhaching hätte den Platz als Sieger verlassen. Die Leistung, die wir im vorherigen Saisonverlauf zeigten, haben wir einfach nicht abrufen können.“ Michael Ballack – ein Jahr lang der Zimmerkollege Beinlichs - traf nach 21 Minuten ins eigene Tor. Markus Oberleitner sorgte mit dem 2:0 im zweiten Durchgang für die Vorentscheidung. Schlussendlich jubelten die Bayern. Wieder einmal. „Den Fans, der Mannschaft und dem Verein hätte ich diesen Titel gegönnt“, betont Beinlich, der zusammen mit Emerson, Zé Roberto Bernd Schneider und Ballack ein Mittelfeld der Extraklasse bildete.
Und dennoch: In den europäischen Vereinswettbewerben war meist frühzeitig Schluss. 1998, im Viertelfinale der Champions League, scheiterten die Leverkusener an Real Madrid. „Das Hinspiel hätten wir 2:0 oder 3:0 gewinnen müssen“, so Beinlich. Stattdessen reichte es nur zu einem 1:1. Beinlich schoss seine Mannschaft per Freistoß in Führung. Christian Karembeu glich aus. Im Rückspiel setzte sich Real mit 3:0 durch. Wiederum Karembeu, Fernando Morientes und Fernando Hierro trafen für den späteren CL-Gewinner, deren Trainer zu diesem Zeitpunkt noch Jupp Heynckes hieß. Die Spiele gegen Real oder gegen den AS Monaco mit dem jungen Thierry Henry waren die Höhepunkte seiner Zeit bei den Leverkusenern, die der Freistoßexperte nach drei Jahren wieder verließ. „Ich wäre gerne geblieben, mein Verletzungspech und auch die Tatsache, dass Bayer zu diesem Zeitpunkt mehr Wert auf den Verbleib von Emerson legte, gaben den Ausschlag für meinen Abgang.“

„In den entscheidenden Phasen schwächelten wir!“

Darüber hinaus war es für den gebürtigen Berliner ein „Traum“, in seiner Geburtsstadt zu kicken. Die erste Spielzeit bei Hertha BSC begann vielversprechend. Beim 4:0 gegen den Hamburger SV mit seinem Ex-Trainer Frank Pagelsdorf traf Beinlich doppelt. Am 5. Tabellenrang, den die Berliner zum Ende der Saison 2001 / 2002 ergatterten, konnte der inzwischen 29-Jährige indes nur bis zur Winterpause mitwirken. Eine schwere Zehenverletzung warf ihn abermals zurück. Und dennoch: die Herthaner kompensierten seinen Ausfall. „Mit Michael Preetz, Michael Hartmann, Marco Rehmer oder Alex Alves war der Kader stark besetzt!“ Auch in den Folgejahren sollte Manager Dieter Hoeneß weiter daran pfeilen. „Marcelinho, Bart Goor, Arne Friedrich und Sebastian Deisler kamen auch noch hinzu!“ Mit dem 4. und 5. Platz qualifizierten sich die Berliner wiederum für den internationalen Wettbewerb. „Für ganz oben“, bedauert Beinlich, „hat es nicht gereicht, weil wir in den entscheidenden Phasen schwächelten.“ So blieben die Siege im Liga-Pokal 2002 und 2003 die einzigen Trophäen für den Edel-Techniker.

„Ich war mich sicher, dass es nicht mit rechten Dingen zuging!“

Dass auch während seiner Zeit beim Hamburger SV kein großer Titel hinzukam, hatte meist sportliche Gründe. Einmal jedoch spielte das Leistungsvermögen keine Rolle: am 21. August des Jahres 2004. „Nach diesem Spiel telefonierte ich mit ein paar Freunden. Ich war mich sicher, dass es nicht mit rechten Dingen zuging“, betont Beinlich. Der 4:2-Erfolg des SC Paderborn gegen den Hamburger SV in der 1. Runde des DFB-Pokals wurde vom Unparteiischen Robert Hoyzer entscheidend beeinflusst. Abgesehen von diesem Spiel, „das zu unserem schlechten Saisonstart passte“, blickt Beinlich auch in Hamburg auf eine erfolgreiche Zeit zurück. 2005 / 2006 führte Trainer Thomas Doll – noch heute ein sehr guter Freund Beinlichs - die Hamburger auf den 3. Platz. Auf die Champions League Teilnahme verzichtete Beinlich indes. Der Mittelfeldstratege wechselte dorthin zurück, wo seine Karriere richtig Fahrt aufnahm: zu Hansa Rostock in die 2. Bundesliga.

„Hansa ist Teil unseres Lebens!“

Entscheidenden Anteil daran, dass die Rostocker 2008 in das Oberhaus aufstiegen, hatte Beinlich als verlängerter Arm von Frank Pagelsdorf erneut. In 29 Spielen führte er seine Mannschaft als Kapitän aufs Feld. Unter Schmerztabletten. Eine Schambeinentzündung machte ihm das Leben schwer. In der darauffolgenden Spielzeit und im Alter von 36 Jahren musste er verletzungsbedingt über weite Strecken zusehen. Ein Knorpelschaden verhinderte, dass er mehr als neun Begegnungen absolvierte.

Noch heute bereitet ihm das Knie große Probleme. „Von einem künstlichen Knie bin ich nicht mehr weit entfernt!“ Und das obwohl der Familienvater von drei Kindern nur noch selten mit dem Fußball in Berührung kommt. Ein erneutes Engagement, wie schon von 2008 bis 2010, als Beinlich den Managerposten bei Hansa bekleidete, möchte er zwar grundsätzlich nicht ausschließen. Aber: „Ich bin kein Mensch, der gerne in der Öffentlichkeit steht.“ Zuletzt arbeitete Beinlich als ehrenamtlicher Geschäftsführer beim Leichtathletikclub 1. LAV Rostock.

Ab und an spielt er mit den früheren Bundesligaweggefährten für den guten Zweck. Wie 2014 im Ostseestadion, als er mit dem Rostocker Rapper Marteria „Das Spiel für die Lizenz“ zugunsten des Traditionsclubs organisierte. „Hansa ist Teil unseres Lebens, wir fühlen uns sehr wohl hier. Es wäre schön, wenn hier mal wieder höherklassiger Fußball zu sehen wäre.“ Vielleicht sorgt der Drittligist in der kommenden Spielzeit für eine Überraschung im DFB-Pokal. Wie die SG Bergmann Borsig Berlin – vor 25 Jahren.

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