„Hier war ich Publikumsliebling, es war eine sehr schöne Zeit!“

Während seiner aktiven Zeit in der ersten und zweiten Bundesliga spielte Siegfried Reich für insgesamt sechs verschiedene Vereine. Viele Trikots aus dieser Zeit bewahrte er nicht auf. Um genau zu sein nur eines. „Das aus Gladbach“, betont der heute 55-Jährige Inhaber eines Sportwarenfachgeschäftes im niedersächsischen Fallersleben. „Alle Mitspieler mussten unterschreiben“, erinnert sich Reich. Zu der damaligen Zeit ein Novum. „Dass man sein Trikot überhaupt behalten durfte, war nicht üblich. Es war eher ein Zugeständnis vom Verein!“

„Unter Uli Maslo sahen wir selten einen Ball!“

Und es war nicht das einzige Zugeständnis, was die Gladbacher dem 21jährigen vom VfL Wolfsburg machten. „Bevor es mit der Bundesligazeit losging, hatte ich einen Autounfall und musste lange pausieren. Die Borussia machte mir trotzdem ein Angebot.“ Entstanden sei der Kontakt dank der aus Wolfsburg stammenden Ehefrau des damaligen Gladbacher Co-Trainers Wolf Werner. „Ich hatte dann die Wahl zwischen Eintracht Braunschweig und Borussia Mönchengladbach. Die Gladbacher mit ihrer langen Tradition für junge Spieler waren natürlich mein Favorit. Also machte ich den Schritt.“ Ein mutiger. Denn in der von Jupp Heynckes trainierten Mannschaft wartete mit Lothar Matthäus, Frank Mill oder Wolfram Wuttke große Konkurrenz auf den Neuzugang aus der niedersächsischen Provinz. „Im ersten Jahr kam ich nur auf Kurzeinsätze!“ 1982 / 1983 lief es schon besser. Seine Bilanz: 14 Spiele, 8 Tore.

Und dennoch, nach seiner zweiten Spielzeit war Schluss bei den Borussen. „Ich wollte mehr Einsätze und mich weiterentwickeln.“ Also wechselte Reich. „Im Nachhinein ein Fehler!“ Denn bei der abstiegsbedrohten Dortmunder Borussia erlebte er eine Chaos-Saison. Gleich vier Trainer (Uli Maslo, Helmut Witte, Hans-Dieter Tippenhauer und Horst Franz) verschliss der Tabellendreizehnte. „Da durfte jeder mal ran. Unter Uli Maslo war das Training am härtesten. Einen Ball sahen wir selten“, schmunzelt Reich, den es nach dem einjährigen und erfolglosen Intermezzo zu Arminia Bielefeld weiterzog. Dieser Wechsel zahlte sich aus für den inzwischen gereiften Stürmer. „Die Entscheidung war goldrichtig!“ Mit 18 Treffern gelang ihm in der Saison 1984 / 1985 der Durchbruch. Ein Spiel, an das er sich besonders gerne zurückerinnert, ist das Duell gegen den Karlsruher SC am 4. Mai 1985. „Wir gewannen 4:1 und verließen dadurch die Abstiegsplätze. Es war ein sehr emotionales und wichtiges Spiel für uns. Und für mich war es ein wunderschöner Tag!“ Reich erzielte schließlich alle vier Treffer.
Spätestens einen Monat später war die Freude über diesen Sieg indes verflogen. Die Arminia stieg nach den Relegationsspielen gegen den 1. FC Saarbrücken (0:2, 1:1) ab. Reich jedoch blieb erstklassig, er wechselte zu Hannover 96.

„So eine Stimmung habe ich nie wieder erlebt“

Dieses Mal blieb er länger als bei seinen vorherigen Bundesligastationen. Insgesamt fünf Jahre lang streifte er sich das Trikot der Niedersachsen über. Und er erlebte alle Höhen und Tiefen mit. Nach dem Abstieg 86 in die 2. Liga wurde er mit 26 Toren nicht nur erstmals Torschützenkönig der 2. Liga, er verhalf den Hannoveranern auch zum sofortigen Wiederaufstieg. Vier Treffer in einem Spiel gelangen ihm dabei erneut. Dietmar Demuth, seinen damaligen Gegenspieler, traf er später beim VfL Wolfsburg wieder. „Er hatte jedes Mal Angst, dass ich die Videokassette irgendwann mal im Mannschaftsbus abspielen würde.“
Ein weiteres Highlight während seiner Zeit bei den „Roten“ war der 16. April 1988. „Wir spielten vor 60.000 Zuschauern gegen den FC Bayern München. Lange Zeit sah alles nach einem Sieg der Bayern aus!“ Hans Pflügler (6.) hatte die mit Stars gespickte Bayern-Elf völlig verdient in Führung geschossen. „Im Stadion war es mucksmäuschenstill, weil die Bayern so dominant waren. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir überhaupt die Mittellinie überquerten.“ Bis zur 58. Minute. „Ich setzte mich auf rechts durch und flankte den Ball in die Mitte, Peter Hobday köpfte zum 1:1. Das komplette Stadion rastete aus. Alle Spieler auf dem Platz hatten Gänsehaut. Als Gregor Grillemeier danach auch noch das 2:1 erzielte, brachen alle Dämme. So eine Stimmung habe ich nie wieder erlebt.“

„Hier war ich Publikumsliebling, es war eine sehr schöne Zeit!“

Nach drei weiteren Jahren in Hannover und einem kurzen Gastspiel beim FC Bayer Uerdingen folgte 1991 im Alter von 31 Jahren der Wechsel zum VfL Wolfsburg in die Oberliga Nord. Und in der rund 10 Kilometer vom Heimatort entfernten Autostadt erlebte Reich seinen dritten Frühling. 1992 schoss er die Wölfe zunächst in den Aufstiegsspielen gegen den FSV Zwickau, gegen den FC Berlin und gegen den 1. FC Union Berlin mit sechs Treffern in neun Spielen fast im Alleingang in die 2. Bundesliga. „Ich befand mich in Hochform zu dieser Zeit.“ Daran sollte sich auch im Folgejahr, als er mit 27 Toren zum zweiten Mal Torschützenkönig der 2. Bundesliga wurde, nichts ändern. Sein größter Erfolg überhaupt war der Einzug ins Pokalfinale 1995 gegen Borussia Mönchengladbach (0:3). Reich erzielte den 1:0-Siegtreffer im Halbfinale beim favorisierten 1. FC Köln.

„De Bruyne hätte noch ein Jahr bleiben sollen!“

Heute betreibt der 55jährige ein Sportwarengeschäft in Fallersleben und trainiert die A-Jugend des VfB Fallersleben. Seinen langjährigen Vereinen Hannover 96 und dem VfL Wolfsburg schaut er noch häufiger live im Stadion zu. Was die jüngste Entwicklung im "75-Millionen-Euro-Transfer" von Kevin de Bruyne zu Manchester City angeht, vertritt Reich eine klare Meinung: "Es ist gut, dass die Eierei endlich ein Ende hat und man sich nun wieder auf das Wesentliche konzentrieren kann. Meiner Meinung nach hätte er noch ein Jahr bleiben sollen, um sich in Ruhe weiterzuentwickeln. In Wolfsburg genoss er beste Voraussetzungen." Vor über 30 Jahren, als Reich für 35.000 DM nach Gladbach wechselte, sah das in Wolfsburg noch ganz anders aus.

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