„Schon vor dem Anpfiff war die Stimmung unbeschreiblich!“

Am Morgen des 13. Mai 1989 war Frank Pagelsdorf noch hoch motiviert. „Mit dir will ich noch was erreichen“, sagte der einstige Abwehrspieler von Hannover 96 vor dem Auswärtsspiel gegen den FC St. Pauli (1:1) zu seinem Zimmernachbarn Martin Groth. Vier Minuten nach dem Anpfiff war von der Siegeslust nicht mehr viel zu sehen. „Aus nächster Nähe hat er einen Ball mit voller Wucht an die Schläfe bekommen und musste ausgewechselt werden“, erinnert sich Martin Groth. Dessen ersten Bundesligatreffer verpasste Pagelsdorf somit. Ebenso wie die restlichen Saisonspiele. Aufgrund des späteren Abstieges der Hannoveraner blieb es sogar der letzte Erstligaauftritt für den Spieler Pagelsdorf. Und dennoch sollte es nicht das Ende des Zusammenwirkens der beiden langjährigen Freunde sein.

„Wir haben gefeiert, aber so richtig realisieren konnten wir das nicht!“

Drei Jahre und zehn Tage nach seinem ersten Bundesligator feierte der inzwischen zum Stammspieler gereifte Martin Groth seinen größten Erfolg als Spieler. Im DFB-Pokalfinale besiegten die Leinestädter Borussia Mönchengladbach im Elfmeterschießen. „Auf dem Weg ins Finale hatten wir auch eine Menge Glück“, erinnert sich Groth. Insbesondere in der 3. Runde, als der damalige Zweitligist im Dortmunder Westfalenstadion vor der überschaubaren Kulisse von 14.100 Zuschauern bereits nach einer halben Stunde mit 0:2 zurücklag. Bodo Schmidt und Stéphane Chapuisat erzielten die Treffer für den Favoriten, der Hannover klar dominierte. „Wenn die Dortmunder zur Pause mit 6:0 oder 7:0 führen, hätten wir uns nicht beschweren dürfen. Wir kamen nicht mal über die Mittellinie!“ Dementsprechend fiel die Ansprache von Trainer Michael Lorkowski aus. „Seht zu, dass ihr das in Grenzen haltet!“ Was dann passierte, sorgte selbst nach dem Abpfiff für ungläubige Blicke auf beiden Seiten. „Dreimal haben wir aufs Tor geschossen, dreimal war der Ball drin!“ Patrick Grün (71.), André Breitenreiter (82.) und Jörg-Uwe Klütz (89.) sorgten für die Überraschung der 3. Runde. „Wir haben gefeiert, aber so richtig realisieren konnten wir das nicht.“

Selbst nach den folgenden Siegen gegen Bayer Uerdingen (1:0, Torschütze Patrick Grün) und gegen den Karlsruher SC (1:0 Torschütze Mathias Kuhlmey) glaubte niemand so recht an die Sensation. „Erst vor dem Werder-Spiel im Halbfinale spürte man die Euphorie in der Stadt.“ Mit 57.000 Zuschauern war das Niedersachsenstadion seit Jahren wieder ausverkauft. „In der 2. Liga kamen rund 5.000 Zuschauer in die Schüssel. Das war Neuland für uns“, erinnert sich Groth, der in der 72. Minute für Axel Sundermann eingewechselt wurde. „Es war ein undankbarer Zeitpunkt. Werder war gnadenlos überlegen.“ Die Hausherren retteten das 0:0 trotzdem über die Zeit. Michael Koch sorgte in der 97. Minute gar für das 1:0, der grenzenlose Jubel währte indes nicht lange. Zwei Minuten später glich Rune Bratseth aus. Es folgte das Elfmeterschießen, in dem Jörg Sievers mit seinem verwandelten Elfmeter den Schlusspunkt setzte. „Danach brach das Stadion aus allen Dämmen, überall war einfach nur pure Freude zu sehen!“
Ein ähnliches Bild erwartete die 96er auch nach dem gewonnenen Pokalfinale im Mai 92, womit Groth schon gar nicht mehr rechnete. „Auf dem Rückweg am Morgen danach standen wir mit dem Bus stundenlang im Stau auf der A2. Es gab ja noch keine Handys. Keiner wusste so richtig, wo wir waren. Irgendwann dachte ich, dass die Fans niemals so lange auf uns warten würden.“ Das Gegenteil war der Fall. „Der Rathausplatz war prall gefüllt. So ein Erlebnis vergisst du nicht, der Empfang in Hannover war einfach nur geil!“

„Grotte, ich will dich nach Rostock holen!“

Drei Jahre nach dem historischen Pokalerfolg landete Groth mit dem Wechsel zu Hansa Rostock erneut einen „sportlichen Volltreffer“ (Groth). An einem Dienstagabend klingelte um 23:30 Uhr das Telefon. Am anderen Ende des Hörers war ein alter Bekannter: Frank Pagelsdorf, seinerzeit Trainer beim Zweitligisten Hansa Rostock. „Er sagte: ,Grotte, ich will dich nach Rostock holen!´“
Dass Groth zu diesem Zeitpunkt bereits mit den 96-Managern Frank Hartmann und Karsten Surmann über eine Vertragsverlängerung einig war und diese am folgenden Vormittag schriftlich fixieren wollte, störte Pagelsdorf nicht. „Er meinte: ,Ich spreche mit Harti und Karsten!´“ Und das tat er. „Im Hotel Neptun in Rostock-Warnemünde machten wir dann später alles klar. Mein Mitspieler Stefan Studer und ich sagten beide für die 1. Liga zu!“ Pikant dabei: Einen Tag nach dem Treffen im Neptun-Hotel gastierte 96 bei Hansa, für die es in diesem Spiel um den Aufstieg in das Oberhaus ging. Groth präsentierte sich zwar professionell, die Niederlage konnte Hannover indes nicht vermeiden. Nach den Toren von Rocco Milde, Steffen Baumgart und Stefan Beinlich war der Aufstieg besiegelt. „Die Stimmung im Stadion war phänomenal. Als ich Frank Pagelsdorf nach dem Spiel gratulierte, mussten wir beide schmunzeln.“

„Die Kogge auf der Brust habe ich mit Stolz getragen!“

Der Schritt nach Rostock kam für Groth genau zum richtigen Zeitpunkt. „Bei Hansa waren die Strukturen zu diesem Zeitpunkt viel professioneller als in Hannover. Außerdem brauchte ich einen Tapetenwechsel.“ Mit einer derart erfolgreichen Startsaison (95 / 96) hatte jedoch niemand gerechnet. Der als Abstiegskandidat gehandelte Aufsteiger landete prompt auf dem 6. Tabellenrang. „Pagel hielt gnadenlos an seinem System fest. Vor der Mannschaft musste ich ihn siezen. Seine Linie zog er konsequent durch.“ Mit Erfolg. „Wir waren die einzige Mannschaft, die den Meister Borussia Dortmund zweimal besiegte.“ 3:2 und 2:1 triumphierte Hansa. „Auch die Bayern haben wir auswärts mit 1:0 geschlagen.“ Stefan Beinlich (11 Tore), Steffen Baumgart (10 Tore) und Jonathan Akpoborie (6 Tore) zählten zu den erfolgreichsten Schützen im Team der Hanseaten, in dem auch Studer (32 Spiele) und Groth (24 Spiele) auf Anhieb zur festen Größe wurden. „Diese Saison war etwas Besonderes.“ Auch von den damaligen Mitspielern schwärmt Groth noch heute. „Stefan Beinlich besaß überragende Fähigkeiten, Hilmar Weilandt war ein brillanter Techniker.“ Zudem beeindruckte die Euphorie Groth, „weil jeder dort den Verein lebte. Die Kogge auf der Brust habe ich mit Stolz getragen!“ Daran änderte sich auch in den zwei folgenden Spielzeiten nichts. „Vor meiner letzten Saison in Rostock 1997 / 1998 waren wir quasi schon abgestiegen!“ Frank Pagelsdorf wechselte nach dem Klassenerhalt 96 / 97 zum Hamburger SV und die Eckpfeiler Stefan Beinlich (Bayer Leverkusen) sowie Jonathan Akpoborie (VfB Stuttgart) verließen die Hanseaten ebenfalls. „Niemand hat mit uns gerechnet, zumal wir in der Vorsaison erst am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt sicherten!“ Doch die Hanseaten überraschten erneut. Unter der Leitung von Ewald Lienen rückte die Mannschaft eng zusammen. Erneut landete Hansa auf dem 6. Tabellenplatz und qualifizierte sich für den UI-Cup.

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„Das war meine beste Saison!“

Zum Zeitpunkt der UI-Cup-Spiele gegen den ungarischen Vertreter Debreceni VSC (1:1, 1:2) stand Groth allerdings schon beim Hamburger SV unter Vertrag. Dieses Mal meldete sich Pagelsdorf etwas früher. „Beim Heimspiel gegen Gladbach im November trafen wir uns im VIP-Raum. Er fragte: ,Wollen wir uns mal unterhalten?´“ Der damals 29jährige Groth, dem die große Zeit des HSV in den 80ern sofort präsent war, sagte zu. Und wiederum war sein Wechsel goldrichtig. Mit 33 Spielen und sieben Treffern in der Saison 98 / 99 avanciere er neben Anthony Yeboah und Hans-Jörg Butt zum Leistungsträger der Hamburger. „Das war meine beste Saison!“ Gegen Bayer Leverkusen (2:1) und gegen 1860 München (3:1) gelang dem defensiven Mittelfeldakteur jeweils ein Doppelpack. In der Hamburger Presse wurde er wegen seiner gefürchteten Distanzschüsse als „Dr. Hammer“ betitelt. „Dass ich irgendwann beim HSV so ein Standing haben würde, war etwas Besonderes!“ Mit ein bisschen mehr Glück hätte es gar zur EM-Teilnahme 2000 gereicht. Es blieb jedoch bei einem Länderspiel in der damaligen A2 Nationalmannschaft (1. September 1999, gegen Frankreich 1:3). Internationale Erfahrung sammelte der HSV-Kapitän (99-01) im Alter von 30 Jahren auch an der Elbe. Noch heute zählt das legendäre 4:4 gegen Juventus Turin während der Spielzeit 00 / 01 zu einem der besten Spiele der Vereinsgeschichte. „Schon vor dem Anpfiff war die Stimmung unbeschreiblich. Leider musste ich früh ausgewechselt werden.“ Nach einem Zweikampf mit Edgar Davids, der neben Zinedine Zidane, Alessandro del Piero oder Filippo Inzaghi zu den Top-Stars der Turiner zählte, brach sich Groth die Rippe. „Ich habe es danach noch versucht, aber es ging einfach nicht mehr“, bedauert Groth, dem das Verletzungspech auch in den folgenden Spielzeiten stets treu blieb. „Es kam immer was Neues!“ Überdies wurde im Herbst 2001 auch sein langjähriger Trainer und Weggefährte Pagelsdorf entlassen. Auf dessen Nachfolger Kurt Jara lässt Groth nichts kommen. „Er hat sich mir gegenüber sehr fair verhalten. Trotz meines Verletzungspechs wurde mein Vertrag nochmal verlängert“, ehe 2003 das Ende seiner HSV-Zeit gekommen war. „Dietmar Beiersdorfer bot mir eine Beschäftigung beim HSV an, aber ich wollte Abstand vom Profifußball bekommen!“

„Dieter Hecking überzeugte mich!“

Eigentlich. Denn auf ein einjähriges Intermezzo beim VfB Lübeck in der 2. Bundesliga ließ sich der nunmehr 34jährige trotz des geplanten Karriereendes nochmal ein. „Der damalige VfB-Trainer Dieter Hecking überzeugte mich!“ Fast hätte es wie schon im Jahr 1992 mit der großen Pokalsensation ein zweites Mal geklappt. Doch dieses Mal scheiterte der Zweitligist im Halbfinale gegen den SV Werder Bremen. Erst in der Verlängerung setzte sich der spätere Double-Sieger nach den Toren von Nelson Valdez und Ailton knapp mit 3:2 durch. Auch wenn es mit dem zweiten DFB-Pokalsieg am Ende nicht klappte, Frank Pagelsdorf behielt an jenem Morgen im Jahr 1989 recht: zusammen mit Martin Groth erreichte er viel!

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Das Langenhagener „Trikotmuseum“

Heute betreibt Martin Groth ein Sportwarengeschäft in Langenhagen, in dem er einige seiner Bundesligatrikots "ausstellt":

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