One in a million…

Es ist die unglaubliche Geschichte eines Torhüters, dessen Karriere nicht turbulenter hätte verlaufen können. 1997 debütierte Lars Leese als Profi in der Premier League, anderthalb Jahre zuvor hütete er noch das Tor des Oberligisten SCB Preußen Köln. Wie der Weg vor und nach dem persönlichen Karriere-Highlight - einem 1:0-Sieg an der Liverpooler Anfield Road aussah - verrät Leese im Trikot#flashback bei vergissmeintrikot.net.

22. November 1997. Liverpool. Anfield Road.

„Drei Stunden vor dem Anpfiff geleitet uns die Polizeieskorte durch die Arbeiterviertel Liverpools zum Stadion. Die vielen roten Backsteinhäuser, die Atmosphäre auf den Straßen, all das gibt dir einen Eindruck von dem, was da auf dich zukommen wird.

Immer dann, wenn ein weiterer Mitspieler vom Aufwärmen zurück in die Kabine kommt und die Tür öffnet, schwingt aus dem Stadion ein „Liverpool, Liverpool“ mit. Von Mal zu Mal wird es lauter. Ich höre, wie sich das Stadion füllt.

Kurz bevor wir im ca. 1,30 Meter breiten und 2 Meter hohen Spielertunnel ankommen und neben Karl-Heinz Riedle, Steve McManaman und Michael Owen unseren Platz einnehmen, beginnen die Zuschauer mit „You´ll never walk alone“. Und zwar so, als wäre es das letzte Mal. Von allen vier Seiten des Stadions.

Je weiter du durch den Tunnel gehst, desto lauter wird es. Am Ende stehe ich einfach nur da und bin fast bewegungsunfähig.“

90 Minuten später ist Lars Leese der gefeierte Held im mit 40.000 Zuschauer gefüllten Stadion an der Anfield Road. Mit dem Tabellenletzten FC Barnsley gewinnt er am 22. November 1997 beim FC Liverpool mit 1:0. Der Höhepunkt seiner Karriere.

„Dich mache ich irgendwann zum Profi!“

Dass der zu diesem Zeitpunkt 28-Jährige jemals das Tor eines Erstligisten hüten würde, grenzt an ein kleines Wunder, von dem so ziemlich jeder Freizeitfußballer träumt. Denn hinter Lars Leese liegt kein von langer Hand geplanter Karriereweg. So wie es bei den Lahms und Kimmichs heute üblich ist. Die Partie in Liverpool war bis dato sein fünftes Spiel als Profi. „Es ist schon nicht so schlecht gelaufen für mich“, sagt er.

18 Monate zuvor hießen die Gegner TuS 08 Langerwehe, SuS 09 Dinslaken und SC Jülich 1920. Leese spielte nach den Zwischenstationen bei den Sportfreunden Neitersen (Kreisliga) und dem VfB Wissen (Regionalliga) inzwischen beim SCB Preußen Köln in der Oberliga Nordrhein. Toni Woodcock, damaliger Trainer der Preußen und Ex-Profi des 1. FC Köln, war so ziemlich das Einzige, was einen Hauch vom Profifußball versprühte. „Toni sagte immer: ,Dich mache ich irgendwann zum Profi!´“ Leese schenkte den Worten seines Trainers jedoch wenig Bedeutung. Obwohl er eine überragende Saison spielte. „Rückblickend war 95 / 96 mein bestes Fußballjahr. Gefühlt hielt ich alles!“

Den Clubs aus der Bundesliga sind die Leistungen des 1,97 cm großen Torhüters nicht verborgen geblieben. Kein Geringerer als Borussia Dortmund klopfte an. Der amtierende Deutsche Meister. „Als der Kicker dann von meinem Probetraining berichtete, rief das Dortmunder Interesse noch weitere Vereine auf den Plan!“ Unter ihnen war auch Bayer Leverkusen. „Die Gespräche mit Calmund verliefen dann sehr gut, zudem war Leverkusen gleich um die Ecke. Ich unterschrieb im Januar 1996.“

Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Werkself auf dem 6. Tabellenplatz. Die Rückrunde hingegen verlief desaströs. Erich Ribbeck wurde entlassen, Interimstrainer Peter Herrmann übernahm. Erst am 34. Spieltag im direkten Duell gegen den 1. FC Kaiserslautern sicherte sich Bayer den Klassenerhalt. Nach dieser katastrophalen Spielzeit übernahm Christoph Daum das Zepter bei den Leverkusenern „Schlecht war der Trainerwechsel für mich nicht. In gewisser Weise schloss sich ein Kreis“, betont Leese. „Christoph Daum kannte ich bereits aus meiner Jugendzeit beim 1. FC Köln. Er war damals Jugendleiter.“ Und mit der Amtsübernahme des Motivitationskünstlers brach in Leverkusen eine neue Ära an. „Wir wurden prompt Vize-Meister und hatten mit Jan Heintze, Erik Meijer, Ion Lupescu, Ulf Kirsten, Hans-Peter Lehnhoff oder Jens Nowotny eine richtig starke Truppe!“ In welcher Leese hinter Dirk Heinen und Rüdiger Vollborn die Nr. 3 im Tor war. „Natürlich hätte ich mir gewünscht, zumindest mal auf der Bank zu sitzen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich damals noch nicht so weit war. Es war eben eine ganz andere Qualität im Training. Ich erinnere mich noch gut daran, dass Hans-Peter Lehnhoff im 90-Sekunden-Takt immer flach zum ersten Pfosten auf Kirsten flankte, der mir den Ball dann aus drei Metern um die Ohren schoss. Es gibt Schöneres im Leben eines Torhüters!“

Und dennoch, Leese murrte nicht: „Für mich war es eine Ehre, in dieser Mannschaft zu spielen.“ Alles sah danach aus, als würde er seinen Zweijahresvertrag in Leverkusen erfüllen. Bis sich ein alt Bekannter bei ihm meldete: Toni Woodcock.

„You´re my man!“

Sein Ex-Trainer und Berater hatte Leese beim FC Middlesborough ins Gespräch gebracht. „Die waren damals mit Spielern wie Fabrizio Ravanelli und Emerson stark besetzt. Also bin ich zum Probetraining!“ Und es lief gut für Leese. Zur Winterpause wollte ihn Middlesborough verpflichten. Allerdings intervenierte Christoph Daum. „Einerseits war das ärgerlich, andererseits ehrte es mich auch. Leverkusen spielte um die Meisterschaft, Daum wollte mich nicht ziehen lassen!“ Vorerst. Denn nach dem zweiten ernsthaften Interessenten aus England, dem englischen Zweitligisten FC Barnsley im Februar 1997, willigte Daum ein. „Viv Anderson, damals Betreuer in Middlesborough, empfahl mich beim Trainer von FC Barnsley. Die beiden kannten sich aus früheren Tagen. “ Wieder absolvierte Leese ein Probetraining. Wieder überzeugte er. Wenngleich er nicht viele Gelegenheiten dazu hatte. „Bei der Anzahl an Spielen in England blieb nicht viel Zeit, um sich im Training zu zeigen.“ Doch wenn, dann war der lange Schlaks zur Stelle. „Ich erinnere mich an einen langen Ball, den ich aus der Luft fischte. Als ich wieder auf dem Boden aufkam, lagen drei Spieler um mich herum. Trainer Benni Wilson sagte nur: „You´re my man!“

Der FC Barnsley verpflichtete Leese, den damals 27-jährigen Keeper des Vizemeisters aus Leverkusen, der nie zuvor ein Profispiel bestritt, für 750.000 D-Mark. Dass der Zweitligist aus Nordengland in der Spielzeit 1997 / 1998 zum ersten und bislang einzigen Male in seiner 130-jährigen Vereinsgeschichte in die Premier League aufstieg, fügt sich in Glückssträhne Leeses. Nachdem der Wechsel in Leverkusen verkündet wurde, scherzte Erik Meijer: „Sag mal, haben die dich verwechselt?“

„Wie geil ist das denn jetzt?“

Sein erstes Pflichtspiel im Oakwall Stadium absolvierte Leese am 27. August. Im Duell gegen die Bolton Wanderers verletzte sich David Watson, damaliger U-21-Keeper in England. „Ich wurde in der 36. Minute beim Stande von 1:1 eingewechselt.“ Leese versuchte das Debüt zu genießen. „Als ich die Menschen auf den Rängen beobachtete, dachte ich nur: „Wie geil ist das denn jetzt?“ Es war ein Einstand nach Maß. Leese kassierte kein Gegentor, zudem erzielte Georgi Hristov in der 47. Minute den 2:1-Siegtreffer vor 18.661 Zuschauern. Der erste Sieg überhaupt in der Premier League für die „Tykes“. „Man muss sich einfach vorstellen, welche Euphorie damals herrschte. Barnsley war Aufsteiger, erstmals überhaupt in der Premier League und dann dieser Sieg. Das war schon ein großer Moment. Für den Verein und natürlich für mich!“ Leese hatte sich als neue Nummer 1 etabliert. Besonders dazu beigetragen hat seine Leistung gegen Liverpool.

Eine Woche nach dem „Highlight“ von Liverpool folgte das Derby gegen Leeds United. „Auch hier erlebte ich eine unfassbare Stimmung.“ Und ein Derby, „dass britischer nicht hätte sein können. Regen, Matsch, verdreckte Trikots. Wir führten mit 2:0 und waren auf dem besten Weg zum Derbysieg. Doch Leeds holte auf und gewann am Ende.“ Derek Lilley traf in der 82. Minute zum 3:2.

Ein halbes Hähnchen und die Folgen…

Dass nach dem Derby nur noch drei weitere Spiele gegen Sheffield Wednesday, Newcastle United und Tottenham Hotspur folgten, ist einem mit Salmonellen verseuchten Hähnchen geschuldet, das der Keeper kurz vor Weihnachten im Supermarkt kaufte. „Danach war ich zwei Wochen lang außer Gefecht. Ausgerechnet vor dem Boxing Day!“ Leeses junger Konkurrent Watson bekam vier Spiele Zeit, um sich den Platz zwischen den Pfosten zurückzuholen. Und: „Er machte seine Sache wirklich gut, es gab keinen Grund ihn wieder auszuwechseln!“ Leese verlor seinen Stammplatz.

Auch nach dem direkten Wiederabstieg änderte sich daran nichts mehr. „Weder in dieser noch in der folgenden Spielzeit bekam ich eine neue Chance. Ich wollte wechseln!“ Doch dieses Mal verließ ihn das Glück. Ein fast schon sicherer Transfer zu Hibernian Edinburgh in die schottische erste Liga platzte, „weil die Verhandlungen an den zu hohen Forderungen meines Beraters Woodcocks scheiterten“. Für Leese eine Enttäuschung. „Ich war mir eigentlich sicher, dass ich zumindest in der 2. Liga irgendwo hätte unterkommen können.“ Doch stattdessen wurde er vereinslos. „Nach einem halben Jahr als arbeitsloser Spieler habe ich mir dann selbst eingestanden, dass meine Profizeit zu Ende ist!“

Leese kehrte zu Preußen Köln zurück, wechselte anschließend zu den Amateuren von Borussia Mönchengladbach, ehe er sich 2003 der Reserve des 1. FC Köln anschloss. Seinem Herzensverein. Ein Profispiel absolvierte Leese tatsächlich nie wieder. Wenngleich er zwischenzeitlich wieder nah dran war. „Sieben Spiele lang nahm ich auf der Bank Platz, als der Effzeh mit Lukas Podolski, Matthias Scherz und Co. um den Aufstieg spielte.“

2005, im Alter von 36 Jahren beendete Leese seine Karriere. „Dass ich jemals in der Premier League spielen würde, dazu für Bayer Leverkusen, den 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach unter Vertrag stehen würde, dafür bin ich mehr als dankbar“.

Und heute?

Nach erfolgreichen Trainerstationen beim SV Bergisch Gladbach 09 (zwei Aufstiege in die NRW-Liga), SSVg Velbert (Aufstieg in die Regionalliga West) erwarb Leese 2009 die DFB-Fußball-Lehrer-Lizenz. Noch heute wirkt er als Trainer, allerdings in einer ganz anderen Branche. „Seit einem Jahr bin ich für die TARGO Lebensversicherung AG als Vertriebstrainer tätig. Meine Aufgabe ist es, Mitarbeiter im Vertrieb von Finanzdienstleistungen zu schulen und zu unterstützen. Ein interessantes und spannendes Tätigkeitsfeld!“ Die Erfahrungen während seiner Profizeit, vor allem aber die Ausbildung zum Trainerlehrer helfen ihm weiter. „Rhetorik, Körpersprache und Methodik – all das sind ganz wichtige Punkte in meinem aktuellen Beruf.“

Als Trainer geprägt habe ihn Christoph Daum. „Ich erinnere mich noch an einen Vortrag während meiner Trainerausbildung. Viele hatten Daum gegenüber Vorbehalte, aber nach drei Minuten klebte jeder an seinen Lippen. Ein absoluter Motivator, der weiß, wovon er spricht", schwärmt Leese und verweist auf die Anekdote aus seiner Zeit bei Leverkusen. „Dass mir Ulf Kirsten den Ball auf Flanke von Lehnhoff im 90-Sekunden-Takt aufs Tor hämmerte, hatte seinen Grund. Daum wusste um die Schwächen des Gegners am folgenden Spieltag. Und natürlich traf Kirsten auf Vorlage von Lehnhoff."

Angesprochen auf die Frage, ob sich Leese eine Rückkehr als Fußballtrainer vorstellen könnte, antwortet er: „Irgendwann auf jeden Fall, dafür liebe ich den Fußball zu sehr!“ Wer weiß, vielleicht kommt der 47-Jährige nochmal als Trainer in den Genuss einer ganz besonderen Stadionatmosphäre. Wie damals in Liverpool. Ausschließen darf man dieser Karriere nun wirklich nichts mehr.

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