„Gegen Ajax rieben wir uns die Augen!“

In welchen Momenten Bernd Schuster als Trainer des 1. FC Köln so richtig aufblühte und was die Kicker des VfL Bochum im UEFA-Cup 97´ als Erstes anstellten, als sie in die nigelnagelneue Amsterdam-Arena einkehrten, verrät Karsten Hutwelker bei vergissmeintrikot.net. Außerdem: Die aufbewahrten Trikots des Ex-Profis, der zurzeit in Verhandlungen mit einem ausländischen Traditionsclub steht.

„Der Mann wird der nächste Nationalspieler des VfL Bochum!“ Als Klaus Toppmöller der Presse seinen Neuzugang für die Spielzeit 1996 / 1997 vorstellt, macht er keinen Hehl aus seiner Erwartungshaltung. Heiß begehrt war der 24-jährige Karsten Hutwelker zu diesem Zeitpunkt. Mit sechs Toren und 23 Vorlagen zählte er nicht nur zu den Leistungsträgern des FC Carl-Zeiss Jena, sondern auch zu den besten Spielern der 2. Liga. Benfica Lissabon klopfte an. „Eigentlich“, sagt Hutwelker, „war ich mir schon im Februar mit 1860 München einig!“ Dass er dennoch nach Bochum wechselte, hing mit der Hartnäckigkeit von Toppmöller und der verzwickten Transfersituation zusammen. „Fortuna Düsseldorf besaß die Transferrechte für mich und wollte mehr Geld von 1860, als eigentlich vereinbart war“. Der Wechsel platzte. Statt zum eisenharten Werner Lorant wechselte er zu „Toppi“. Bereut hat er die Entscheidung nie. „Bei ihm habe ich viel gelernt. Er vermittelte vor allem eines: den Spaß am Fußball!“

Und das sah man dem Aufsteiger aus dem Ruhrpott vom ersten Spieltag an. „Mit Dariusz Wosz, Thorsten Kracht, Peter Peschelt, Kai Michalke, Tomasz Waldoch, Peter Közle und Thomas Stickroth hatten wir eine richtig starke Truppe!“ Der Großteil verstand sich auch außerhalb des Platzes, „es gab keinen großen Altersunterschied, es passte einfach!“ So gut, dass sich der VfL als Tabellenfünfter für den UEFA-Cup qualifizierte. Das Erfolgsrezept: „Defensiv standen wir sicher und unser Umschaltspiel war brutal schnell. Viele Räder griffen ineinander!“

„Die Amsterdam-Arena war schon beeindruckend!“

An die Duelle auf internationaler Bühne in der Spielzeit 1997 erinnert sich Hutwelker noch heute gerne zurück. Vor allem an das Hinspiel im Achtelfinale des UEFA-Cups gegen Ajax Amsterdam. Die Mannschaft von Trainer Morten Olsen – zwei Jahre zuvor noch Champions League Sieger unter Louis van Gaal – war gespickt mit Weltstars. Im Tor mit Edwin van der Sar, dazu Danny Blind, Frank und Ronald de Boer, Michael Laudrup, Sunday Oliseh und Richard Witschge. Zudem zählte die 1996 erbaute Amsterdam-Arena zu den modernsten Stadien überhaupt. „Das war schon beeindruckend“, betont Hutwelker. In Ehrfurcht erstarrten Wosz & Co. deswegen nicht. „Während der Trainingseinheit im Stadion haben wir versucht, den Videowürfel abzuschießen.“ Jedoch ohne Erfolg. „Geschafft“, so Hutwelker, „hat es niemand“. Ähnlich unbekümmert gingen die Bochumer auch im Spiel zu Werke. „Nach 25 Minuten rieben wir uns die Augen!“ Der VfL führte nach den Toren von Thomas Reis und Tomasz Waldoch mit 2:0. Doch dann startete Ajax seine Aufholjagd, Michael Laudrup (2), Shota Arveladze und Frank de Boer drehten die Partie noch vor der Pause. Hutwelker, der nach 63 Minuten eingewechselt worden ist, konnte die 2:4-Niederlage nicht mehr verhindern.

Zwei Wochen später reichte es für den VfL daheim gegen Ajax nur zu einem Remis (2:2). Das Abenteuer im Achtelfinale des UEFA-Cups – es war beendet. Hutwelker selbst kam im Rückspiel nicht zum Einsatz. Und auch in der Liga sollte sich das Versprechen Toppmöllers nicht bewahrheiten. „Unser Mittelfeld war stark besetzt. Nicht zu spielen, war jedes Mal eine Strafe. Irgendwann glaubst du auch nicht mehr an dich, ich wollte den Verein nach zwei Jahren wieder verlassen!“

„Bernd Schuster blühte nur auf, wenn er über Barcelona oder Madrid erzählte!“

Hutwelker wechselte zum 1. FC Köln, zurück in die 2. Bundesliga. „Die Spiele des Effzeh habe ich schon als Kind mitverfolgt. Dort zu spielen, war ein Traum!“ Doch so gut wie es für ihn begann – er erzielte das erste Tor für die Kölner in der 2. Bundesliga überhaupt (siehe Video) – ging es nicht weiter. „Unser Trainer Bernd Schuster blühte nur auf, wenn er über Barcelona und Madrid erzählte!“ Die Kölner landeten 99 / 00 auf einem enttäuschenden 10. Tabellenrang. Nach nur einer Spielzeit war Schluss beim Traditionsverein, der sechsten von insgesamt dreizehn Profistationen Hutwelkers.

„Die Anteilnahme aus Italien war riesengroß, das hat mich sehr gefreut!“

Über den 1. FC Saarbrücken zog es Hutwelker 2002 zum AC Florenz. Nach dem Probetraining bei den Italienern, in deren Reihen zu diesem Zeitpunkt noch Enrico Chiesa, Nuno Gomes oder Rui Costa kickten, signalisierte Trainer Pietro Vierchowod, dass er Hutwelker verpflichten möchte. „Ein geiler Verein, diese Chance musste ich wahrnehmen. Trotz des Zwangsabstieges!“ Doch auch für die 2002 wegen wirtschaftlicher Probleme in der Serie C gelandete Fiorentina streifte Hutwelker nicht lange das Trikot über. „Den Vertrag musste ich nach kurzer Zeit auflösen, mein Sohn kam als Frühchen zur Welt. Ich kehrte dann nach Köln zu meiner Familie zurück, um mich um alles zu kümmern!“ Nach nur vier Monaten trennten sich die Wege.

Und dennoch – die Fans der Fiorentina erinnerten sich an ihn, als seine schwerste Zeit begann. 2005 erkrankte Karsten Hutwelker an Knochenkrebs. „Die Anteilnahme aus Italien war sehr groß. Es hat mich sehr gefreut“, betont Hutwelker, der den Krebs besiegte. Im Interview mit dem Tagesspiegel im Dezember 06 sagte Hutwelker: „Das schönste Geschenk ist ganz klar, dass ich weiterleben darf. Was ich daraus mache, liegt an mir!“

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Dem Fußball ist der zweifache Familienvater immer treu geblieben. 2008, nach weiteren Engagements bei Eintracht Braunschweig, Jahn Regensburg, FC Augsburg und dem österreichischen Erstligisten SCR Altach beendete er nach mehr als 250 Erst- und Zweitligaspielen im Alter von 37 Jahren seine Profikarriere. Inzwischen arbeitet Hutwelker als Trainer. Derzeit steht er in Verhandlungen mit einem ausländischen Traditionsclub. „Es wäre ein große Herausforderung, über die ich mich sehr freuen würde. Wir wollen den Verein in Ruhe weiterentwickeln.“ Mit großen Versprechungen hat er so seine Erfahrungen gesammelt.

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