„Das mit dem Trikot hatte was!“

Freistoßexperte, Mittelfeldregisseur, Aufstiegsheld - an die Klub-Ikone Juri Schlünz erinnern sich die Fans von Hansa Rostock noch heute gerne zurück. Bei vergissmeintrikot.net spricht Schlünz über die Aufstiegssaison 1990 / 1991, einen unerfüllten Traum seines Mitspielers Paul Caliguri, Mike Werners Motorradfahrt und das Duell gegen Barcelona im Landesmeistercup. Und für alle nostalgischen Fußballfans und Trikotliebhaber verrät Schlünz, wie er 20 Jahre nach dem entscheidenden Aufstiegsspiel gegen Dynamo Dresden sein Trikot aus diesem Spiel zurückbekam.

Es läuft die 15. Minute, als Hansa-Mittelfeldregisseur Juri Schlünz zum Freistoß anläuft und den Ball unhaltbar im Tor von Dresdens Schlussmann Thomas Köhler versenkt. Der Jubel im Ostseestadion ist groß. Doch das 1:0 am 4. Mai 1991 ist erst der Anfang eines Spiels, dessen Bedeutung für den DDR-Oberligisten größer kaum hätte sein können.
„Es ging um die Zukunft“, erinnert sich Juri Schlünz, der seinen Verein nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich von Torsten Gütschow (50.) in der 68. Minute erneut in Führung schoss. Wiederum mit einem Sahne-Freistoß. Dieses Mal ließ der Standardexperte Ronny Teuber, der noch im ersten Durchgang für den verletzten Köhler eingewechselt wurde, keine Chance. „Mit beiden Torhütern hatte ich zuvor bei Hansa zusammengespielt.“ Als Henri Fuchs in der Schlussphase auch noch das 3:1 erzielte, kannte der Jubel der 17.500 Zuschauer keine Grenzen mehr. Hansa wurde nicht nur zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte DDR-Meister, sondern sicherte sich durch den Triumph über den Rivalen aus Dresden auch gleichzeitig das Ticket für die 1. Bundesliga. Schlünz: „Mir ist eine Riesenlast abgefallen. Du wusstest: Von nun an spielen wir gegen Mannschaften, die du sonst nur aus dem Fernsehen kanntest!“

„Berührst du den Zapfhahn, haue ich dir den Arm ab!“

Dass sich die Hanseaten, die lange Zeit als Fahrstuhlmannschaft der DDR-Oberliga galten, überhaupt für die Bundesliga qualifizierten, war auch dem Trainer Uwe Reinders zu verdanken. Der damals 36-jährige „Wessi“ wechselte 1990 von Eintracht Braunschweig zu den Hanseaten. Und er machte vieles richtig. „Uwe führte sich hier nicht auf, als hätte er den Fußball erfunden. In der Kabine vor den Trainingseinheiten berichtete er uns oft von seinen Alltagserfahrungen. Zum Beispiel wie er einem dreisten Mercedes-Fahrer drohte, als der sich an der Tankstelle an allen Autos vorbeidrängelte: ,Berührst du den Zapfhahn, haue ich dir den Arm ab!´ Das gefiel uns natürlich. Außerdem sorgte er für ein Umdenken, was die Ernährung und die Trainingsintensität anging.“ Noch während der Prä-Reinders-Ära war es üblich, dreimal am Tag zu trainieren. Dies änderte sich. „Manchmal war nach der ersten Trainingseinheit (10-12 Uhr) Schluss, er sagte: ,Das war´s für heute Jungs!´ Anfangs wussten wir gar nicht, was wir dem Rest des Tages anfangen sollten.“ Doch die neuen Methoden fruchteten. „Du warst heiß auf das Wochenende!“ So mühten sich die Kontrahenten lange Zeit vergebens, um die zum Spitzenteam gereifte Reinders-Elf zu schlagen. Erst am 13. Spieltag unterlagen die Rostocker Lokomotive Leipzig mit 2:3. In eine Krise führte die ihre erste von insgesamt vier Niederlagen in den 26 Begegnungen indes nicht. Die Hierarchie und Stimmung innerhalb der Mannschaft passten. Schlünz: „Zudem übernahm man auch außerhalb des Platzes gerne Verantwortung!“

Unerfüllter amerikanischer Traum

Etwa für Paul Caliguri, der vor der Saison vom SV Meppen kam und sich in einem Neubaublock einquartierte. „Wie er das psychisch durchgehalten hat, ist mir heute noch ein Rätsel!“ Caliguri war US-Amerikaner, der erste überhaupt im DDR-Fußball. „Was ihm wirklich gefiel, war die Ostsee“, erinnert sich Schlünz, der ihm das Einleben in Rostock erleichterte. „Einmal“, so Schlünz, „musste ich ihn allerdings enttäuschen. Seine Frau wollte am Ostseestrand entlang reiten, er fragte mich, ob ich ihm ein Pferd dafür besorgen könnte.“ In ein tiefes Loch stürzte der US-Nationalspieler, der bei der WM 1990 drei Spiele absolvierte, deshalb nicht. Vermutlich auch wegen der ansonsten guten Atmosphäre im Team. „Während eines Trainingslagers in Quakenbrück lud uns Uwe Reinders in sein Haus in Achim ein. Unten im Partykeller schmiss er mehrere HB-Schachteln auf den Tisch und sagte: ,Wer will kann hier rauchen!´“ Ein Appell mit Folgen. Denn: „20 der 25 Spieler rauchten! Irgendwann qualmte das Haus aus allen Öffnungen, der Nachbar wollte schon die Feuerwehr rufen, was er Uwe am nächsten Tag am Telefon mitteilte."

Mike Werner drehte auf dem Motorrad Ehrenrunden im Ostseestadion

Noch heute sind diese Anekdoten ein Indiz für die funktionierende Mannschaft, die mit dem Sieg gegen Dresden vier Spieltage vor Schluss die Qualifikation für die erste Bundesliga frühzeitig sicherte. In den verbleibenden drei Begegnungen gewann Hansa übrigens kein Spiel mehr. Am letzten Spieltag setzte es gar die höchste Niederlage. Wiederum gegen Lok Leipzig (1:4). Doch das verwunderte angesichts der Vorbereitung kaum. Schlünz: „Die Mannschaft traf sich vor der Partie, um gemeinsam im Autokorso Richtung Ostseestadion zu fahren. Mike Werner führte uns auf dem Motorrad zum Ziel und wir drehten danach mit unseren Autos und Hansa-Fahnen noch drei Runden auf der Tartanbahn. Uwe Reinders, der zu diesem Zeitpunkt noch selbst auf dem Platz stand, weil gerade das Altherrenspiel zwischen Hansa und Werder Bremen stattfand, war etwas überrascht.“

Guardiola, Stoichkov, Koeman und Co. zu Gast im Ostseestadion

Überraschend verlief auch der Start in die Spielzeit 91 / 92. Drei Spiele, drei Siege – so lautete die Bilanz des Aufsteigers, der zunächst daheim gegen den 1. FC Nürnberg (4:0), auswärts gegen den FC Bayern München (2:1) und am 3. Spieltag auch noch Borussia Dortmund mit 5:1 vom Platz fegte. Juri Schlünz spielte dabei indes keine gewichtige Rolle. Im Supercup-Spiel gegen den 1.FC Kaiserslautern (1:2) zeigte der Unparteiische Manfred Amarell dem Mittelfeldregisseur in der 84. Minute die erste Gelb-Rote Karte im deutschen Fußball überhaupt. „Der wollte sich verewigen. Man sperrte mich dann für das erste Saisonspiel gegen Nürnberg. Danach war ich erstmals draußen!“ Bis er abermals seine Freistoßspezialitäten unter Beweis stellte. „Zwar verloren wir gegen den Karlsruher SC, doch ich schoss das zwischenzeitliche 1:1 per Freistoß!“ Im Tor des KSC stand damals Oliver Kahn. Grund genug für Reinders, um seine Vereinsikone (seit 1968 Mitglied) fünf Tage später gegen den FC Barcelona im Landesmeistercup von Beginn an auflaufen zu lassen. Noch im Hinspiel unterlagen die Blau-Weißen im Camp Nou vor 65.000 Zuschauern mit 0:3. „Die hatten 90 Prozent Ballbesitz, wir sind nur hinterher gelaufen!“. Doch im Rückspiel gelang den Rostockern die Sensation. Nach einem Treffer von Michael Spies (64.) wurden Pep Guardiola, Hristo Stoichkov, Ronald Koeman & Co. mit 1:0 besiegt.

Es blieb einer der vorerst letzten Höhepunkte der Hanseaten, dessen Trainer Uwe Reinders im März 1992 entlassen wurde. Den Abstieg konnte auch Nachfolger Erich Rutemöller nicht vermeiden. Ebenso wenig wie die hohe Fluktuation der Folgesaison, in der Juri Schlünz mit 31 Spielen wieder eine feste Größe wurde. Ein Jahr später, in der Saison 1993 / 1994, beendete Schlünz seine aktive Karriere.

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„Das mit dem Trikot hatte was!“

Ein Erinnerungsstück der Extraklasse erhielt Schlünz Jahre später wieder zurück. Im Rahmen des Legenden-Kicks "Rückkehr der Helden" am 4. Mai 2011 überreichte ihm genau der Fan das Trikot aus dem Dresden-Spiel, der es einst gefangen hat. "Das mit dem Trikot hatte was", erinnert sich Schlünz.

Und heute?

Nach verschiedenen Stationen als Chef-, Co- und Jugendtrainer übernahm Schlünz 2007 die Leitung der Nachwuchsakademie. Ob die Besetzung der Trainerstellen, die Internatsbesetzung oder die Sponsorenpflege, er verantwortete viele Aufgabenfelder. Den letzten großen Erfolg im Jugendbereich feierten die A-Junioren im Jahr 2010, als Bayer 04 Leverkusen mit 1:0 besiegt und der deutsche Meistertitel errungen wurde. Schlünz, der im Juli 2016 zur AOK wechselte, ist sich sicher: „Auch aktuell haben wir einige Talente, die den Sprung schaffen können!“
Vielleicht ist ja bald auch wieder ein Freistoßspezialist dabei.

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