„Wenn Diego Platz hatte, war er nicht zu stoppen!“

Bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien trumpfte er ganz groß auf. Seine Leistung während des gesamten Turniers, insbesondere aber im Endspiel gegen Argentinien, als er den Weltfußballer Diego Armando Maradona ausschaltete, war ein wichtiger Grundstein für den dritten WM-Titel der Deutschen Fußballnationalmannschaft. Im Interview mit vergissmeintrikot.net erinnert sich Guido Buchwald an seinen größten sportlichen Erfolg und verrät, wo sein Finaltrikot inzwischen gelandet ist.

Herr Buchwald, am 8. Juli trafen sich die WM-Helden von 1990 am Kalterer See in Südtirol wieder, um das 25-jährige Jubiläum zu feiern. Haben Sie den Tag genossen? 

So ein Wiedersehen ist immer schön, es war das vierte insgesamt. Klar trifft man den einen oder anderen auch mal zwischendurch, aber in dieser Form über insgesamt zwei Tage ist es eben doch etwas anderes. Man konnte sich in Ruhe austauschen. Eine tolle Sache!

17 der insgesamt 22 Spieler von damals waren dabei. Auch heute noch ein Indiz für den großen Zusammenhalt dieser Mannschaft?

Guido Buchwald

Guido Buchwald (Foto anklicken und mehr erfahren)

Auf jeden Fall. Es gab sehr viele unterschiedliche Charaktere in der Mannschaft, aber jeder ordnete sich dem gemeinsamen Ziel unter. Mit Jürgen Klinsmann hatten wir den weltbesten Torschützen, mit Lothar Matthäus den weltbesten Spieler in den eigenen Reihen. Sinnbildlich für den Zusammenhalt war die Szene nach dem Führungstreffer gegen Jugoslawien im ersten Spiel. Jürgen lief als erster auf Lothar zu und freute sich mit ihm. Zudem verstand es Franz Beckenbauer, diese Elf mit Weltklassespielern zu einer Mannschaft zu formen. Der WM-Titel wird uns alle für immer verbinden. Den jetzigen Weltmeistern von 2014 wird das nicht anders gehen. So ein Wiedersehen ist gewissermaßen auch ein Pflichttermin, wenngleich es zeitlich trotzdem nie bei jedem passen wird.

Inwiefern? 

Jürgen Klinsmann zum Beispiel musste wegen der Länderspielreise mit den USA absagen. Er schrieb mir eine SMS mit der Bitte an alle, für ihn mitzufeiern.

Zu ihm haben Sie demnach noch heute einen engen Kontakt? 

Jürgen und ich kennen uns seit klein auf. Zusammen spielten wir bei den Stuttgarter Kickers, beim VfB und in der Nationalelf. Während der WM waren wir Zimmernachbarn. Das schweißt natürlich zusammen. Der Kontakt beschränkt sich allerdings meist auf Telefonate.

Es gibt verschiedene Versionen zum Ursprung Ihres Spitznamens „Diego“. Wie entstand er wirklich?

Es ist sicherlich ein Mix aus allem. Der erste Spieler, der mich während der WM so nannte, war Klaus Augenthaler. Beim Kreisspiel im Training lupfte ich ein- oder zweimal den Ball. Klaus rief dann, wir hätten den besseren Diego. Dann wurde der Name mit dem Spiel gegen die Niederlande und gegen Argentinien in Verbindung gebracht.

Unmittelbar vor Ihrer Flanke zum 1:0 durch Jürgen Klinsmann im Spiel gegen die Niederlande machten Sie den Übersteiger, im Finale schalteten Sie den großen Maradona aus. Franz Beckenbauer bezeichnete Sie im Nachhinein als den besten deutschen Spieler dieser WM, weil Sie in jedem Spiel eine Weltklasseleistung zeigten. Welchen Wert hat dieses Lob für Sie? 

Bis heute macht mich das sehr stolz, insbesondere weil es von Franz kam. Als Trainer erlebte er die Mannschaft jeden Tag und konnte es daher sehr gut beurteilen.

War wegen der Ausbootung kurz vor der WM 1986 auch ein bisschen Genugtuung dabei? 

Überhaupt nicht. Ich habe mich einfach nur riesig auf dieses Turnier gefreut. Es war ein super Erlebnis, das mit dem größten Titel endete, den man als Fußballer gewinnen kann.


 Der WM-Spieltagsrückblick von Guido Buchwald

 

Nunmehr 25 Jahre liegt die Weltmeisterschaft 1990 zurück, bei vergissmeintrikot.net erinnert sich Guido Buchwald an die Highlights des Turniers zurück. Hier folgt der Spieltagsrückblick:

10. Juni 1990: Deutschland – Jugoslawien 4:1 (2:0)

Bereitgestellt vom Deutschen Fußballmuseum / copyright by firo sportphoto / www.firosportphoto.de

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Als ich eine Stunde vor dem Anpfiff unten auf dem Rasen stand und dieses nagelneue Stadion sah, bekam ich Gänsehaut. Die Atmosphäre war sensationell. Jugoslawien galt damals als Geheimfavorit und hatte mit Dejan Savicevic einen großen Star in den eigenen Reihen. Vor dem ersten Spiel ist die Anspannung ohnehin riesig. Lothar Matthäus machte dann ein Weltklassespiel und schoss uns zum Sieg. Ihm ist einfach alles gelungen.

Die Eckdaten: Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand, 74.765 Zuschauer, Tore: 1:0 Matthäus (29.), 2:0 Klinsmann (40.), 2:1 Jozic (55.), 3:1 Matthäus (64.) 4:1 Völler (70.)


15. Juni 1990: Deutschland – Vereinigte Arabische Emirate 5:1 (2:0)

Vor allem erinnere ich mich an den strömenden Regen. Das Dach war nicht optimal gedeckt, einige Zuschauer im VIP-Bereich wurden nass. Die Partie an sich glich einem Trainingsspiel. Wir wussten, dass wir gewinnen werden. Es war der leichteste Gegner im gesamten Turnierverlauf.

Die Eckdaten: Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand, 71.167 Zuschauer, Tore: 1:0 Völler (36.), 2:0 Klinsmann (38.), 2:1 Mubarak (46.), 3:1 Matthäus (47.), 4:1 Bein (59.), 5:1 Völler (75.)


19. Juni 1990: Deutschland – Kolumbien 1:1 (0:0)

Für das Achtelfinale waren wir bereits qualifiziert. Uns war der Gruppensieg aber enorm wichtig. Denn der garantierte, dass wir weiterhin in Mailand spielen konnten. Mit unseren drei Legionären Matthäus, Klinsmann und Brehme, die allesamt für Inter Mailand spielten, hatte das etwas von Heimspielatmosphäre. Kolumbien war eine sehr unangenehm zu spielende Mannschaft. In Erinnerung ist mir auch die Aktion von Valderrama geblieben, der erst mit der Trage rausgetragen wurde und kurz danach wieder auf dem Platz stand.

Die Eckdaten: Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand, 72.510 Zuschauer, Tore: 1:0 Littbarski (88.), 1:1 Rincon (90.)



Achtelfinale am 24. Juni 1990: Deutschland – Niederlande 2:1 (0:0)

Bereitgestellt vom Deutschen Fußballmuseum / copyright by firo sportphoto / www.firosportphoto.de

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Die Holländer waren Topfavorit. Mit Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard hatten sie absolute Weltstars in den eigenen Reihen. Außerdem spielten die Erinnerungen an die bittere Niederlage bei der Europameisterschaft zwei Jahre zuvor eine Rolle. Wir haben ganz ordentlich begonnen. Dann kam die Szene mit Rudi Völler und Rijkaard. Ich war ungefähr zwanzig Meter entfernt und habe erst gar nicht registriert, dass beide die Rote Karte sahen. Für Rudi tat es uns sehr leid, es war total ungerecht. Danach war jedem klar, dass wir auch für ihn gewinnen mussten. Ein Riesenspiel machten Lothar und Klinsi, der für Rudi mitlief. Vor dem 1:0 machte ich den Übersteiger, den zweiten Treffer durch Andi Brehme bereitete ich auch vor. Spätestens nach dem Sieg war jedem klar, dass wir jeden schlagen können.

Die Eckdaten: Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand, 74.559 Zuschauer, Tore: 1:0 Klinsmann (51.), 2:0 Brehme (85.), 2:1 R. Koeman (89., Strafstoß), besondere Vorkommnisse: Rote Karte für Völler und Rijkaard (21.)


Viertelfinale am 1. Juli 1990: Deutschland – Tschechoslowakei 1:0 (1:0)

Nach dem frühen 1:0 haben wir es versäumt, nachzulegen. Als dann auch noch der Platzverweis für einen Tschechoslowaken folgte, war die Spannung weg. Am Ende hatten wir ein bisschen Glück, die Verlängerung wäre möglich gewesen. Mit unserer Leistung war Franz Beckenbauer berechtigterweise überhaupt nicht einverstanden. Seine Ansprache nach dem Spiel habe ich nicht mitbekommen, weil ich zur Dopingkontrolle musste. Als ich zurück in die Kabine kam, war es seltsam ruhig. Andi Brehme fragte: „Franz, du weißt schon, dass wir im Halbfinale stehen, oder?“

Die Eckdaten: Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand, 73.347 Zuschauer, Tore: 1:0 Matthäus (24, Strafstoß), besondere Vorkommnisse: Rote Karte für Moravcik (70.)


Halbfinale am 4. Juli 1990: Deutschland – England 4:3 i.E., 1:1 (0:0)

Die Partie gegen England war das intensivste und engste Spiel des Turniers. Die Engländer hatten eine starke Mannschaft mit Peter Beardsley, David Platt, Paul Gascoigne oder Gary Lineker. Wir mussten alles in die Waagschale werfen. Es war eine sehr harte, aber faire Begegnung, in der es keine Showeinlagen gab. Es hat riesigen Spaß gemacht.

Die Eckdaten: Delle Alpi in Turin, 62.628 Zuschauer, Tore: 1:0 Brehme (59.), 1:1 Lineker (80.). Elfmeterschießen: 0:1 Lineker, 1:1 Brehme, 1:2 Beardsley, 2:2 Matthäus, 2:3 Platt, 3:3 Riedle, Pearce verschießt, 4:3 Thon, Waddle verschießt.


Das Finale am 8. Juli 1990: Deutschland – Argentinien 1:0 (0:0)

Bereitgestellt vom Deutschen Fußballmuseum / copyright by firo sportphoto / www.firosportphoto.de

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Dass ich gegen Diego Maradona spielen würde, hatte mir Franz relativ frühzeitig gesagt. „Das ist dein Gegenspieler“, waren seine Worte. Maradona kannte ich aus dem UEFA-Cup-Finale 89 gegen Neapel. Wenn er Platz hatte, war er wie heute Messi nicht zu stoppen. Mir war klar, dass ich ihn über 90 Minuten immer wieder früh stören musste. Weil sich das gesamte Spiel der Argentinier auf ihn konzentrierte, war das unser Schlüssel zum Erfolg. Ohne Maradona war die argentinische Mannschaft nur die Hälfte wert. Irgendwann resignierte er und sagte nur: „Du schon wieder!“ Nach dem Andi Brehme das 1:0 erzielte, war uns klar, dass wir Weltmeister werden. Die Argentinier spielten zu diesem Zeitpunkt schon in Unterzahl. Nach dem Spiel traf ich Maradona nochmal bei der Dopingprobe. Es war meine dritte im gesamten Turnier. Aber er sagte nicht mehr viel. Die anschließende Feier ging bis tief in die Nacht. Ich bin auf der Wiese neben dem Hotel eingeschlafen. Kurz danach ging es ins Hotel und dann in den Flieger nach Frankfurt.

Die Eckdaten: Olimpico in Rom, 73.603 Zuschauer, Tore: 1:0 Brehme (85., Strafstoß), bes. Vorkommnisse: Rote Karte für Monzon (64.), Dezotti (87.)


„Im Fußballmuseum ist das Trikot besser aufgehoben als im Koffer!“

Manuel Neukirchner bei der Trikotübergabe im Juni 2014 mit Guido Buchwald / Quelle: US-Sports.TV

Manuel Neukirchner bei der Trikotübergabe im Juni 2014 mit Guido Buchwald / Quelle: US-Sports.TV

Ein Erinnerungsstück der Extraklasse aus dem Finale von Rom wird in Kürze im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund zu begutachten sein. Sein Endspieltrikot bewahrte der Weltmeister über all die Jahre in einem Koffer im Keller auf. Dass es jetzt in Dortmund ausgestellt wird, freut Buchwald. „Dort ist es viel besser aufgehoben, als bei mir zu Hause im Koffer!“

Die Pflicht für Fußballfans: ein Besuch des „Deutschen Fußballmuseums“

Ob das Originaltrikot aus dem WM-Finale 1990, der Endspielball von 1954 oder der Fußballschuh von Mario Götze aus dem WM-Finale 2014 in Brasilien – ab dem 25. Oktober gibt es all diese Erinnerungsstücke der deutschen Fußballgeschichte in Dortmund im Deutschen Fußballmuseum zu begutachten. „Hier bekommen die Heiligtümer des deutschen Fußballs einen würdigen Rahmen“, betont Direktor Manuel Neukirchner. Auf 7.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche erwarten die Besucher über 1600 Exponate. Insgesamt 19 Sporthistoriker und Wissenschaftler haben bei der Ausstellung mitgeholfen.

Mein Tipp:

Falls Ihr auch das Museum besuchen möchtet, Tickets besser über den Onlineshop (10-17 € pro Person) kaufen, um Warteschlangen an der Kasse zu vermeiden. Außerdem sind die Karten günstiger:) Vielleicht sieht man sich ja… Hier gibt es schon mal einen Vorgeschmack:

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