„Die Trikotwelt war eintönig und bunt, statt farbig!“

Mehr als 40 Jahre liegt sein Auftritt im ZDF-Sportstudio zurück. Doch das Video, in dem Farbdesigner Friedrich Ernst von Garnier dem Moderator Hanns Joachim Friedrichs und Fußballlegende Günther Netzer seine Trikotentwürfe präsentiert, ist inzwischen Kult. Im Interview mit vergissmeintrikot.net erklärt der 80-Jährige, wie es zum Auftritt kam, welche Rolle der Ausrüster Adidas dabei spielte und was Frauen eher zum Stadionbesuch bewegt, als rosafarbene Trikots.

Herr von Garnier, der TSV 1860 München spielt seit einigen Jahren während des Oktoberfestes im „Wiesn-Trikot“, der 1. FC Köln neuerdings im „Karnevalstrikot“. Was halten Sie von diesen Trikotkreationen?

Ich finde sie grauenvoll. Sie sind formal durcheinander, das Hell/Dunkel ist unsicher verteilt.

Dem Trikot wird heute eine eigene Zeremonie vor der Saison gewidmet. Ob ein Videotrailer, die Live-Präsentation vor Hunderten von Fans oder wie im Falle der neuen BVB-Trikots 2013 eine extra beschnittene Blumenwiese. Vereine und Ausrüster überraschen immer wieder mit neuen Ideen. Sie wählten anlässlich der Präsentation Ihrer Trikotentwürfe im Jahr 1974 eine Tanzeinlage. Wie weit waren Sie Ihrer Zeit voraus?

300 Jahre (lacht)!

Zu Ihrem Kerngebiet als Farbdesigner zählte seinerzeit die architekturbegleitende Farbgebung. Wie kam es überhaupt zum Auftritt im ZDF-Sportstudio?

Das Wiesn Trikot des TSV 1860 München

Wiesn-Trikot 1860 München

In aller Farbeinbringung, die ich als Farbgestalter machte, habe ich mich um die Auftritte in der Öffentlichkeit gekümmert. Das muss man tun, weil die Landschaft in Deutschland eine Sache der Bürger ist. Im Falle der Trikots habe ich bei ADIDAS angerufen und mit den zuständigen Marketing-Leuten geredet. Mich interessiert alles, was mit Farbe zu tun hat.

Ihre Ideen zur Farbgestaltung erfreuten sich großer Beliebtheit, wie man Ihrer Vita entnehmen kann.

Ich musste mir die ganze Diskussion dieses Themas erarbeiten, weil es nicht gelehrt wurde und auch heute noch nicht gelehrt wird. Es ist die Pflicht für jeden Architekten, es zu lernen. Damit die Architektur auf Menschen wie mich verzichten lernen kann. Ich habe mir alles ausgedacht und dieses Thema inzwischen in aller Welt angewandt. Ich habe farbige Industrien und farbige Wohnbauten in Rio de Janeiro, in China, in Japan, in St. Petersburg und vor allem natürlich in Deutschland farblich gestaltet. Ich wünsche mir, dass die Architektur es lernt und lehrt.

Der damalige Moderator Hanns Joachim Friedrichs betonte, sie würden Wert auf eine „noch buntere Welt“ legen. Wie trist war denn die damalige Trikotwelt?

Ich bin gegen bunt. Ich bin FÜR farbig. Die damalige Trikotwelt war eintönig und BUNT, statt farbig. Was falsch ist. Beziehungsweise ich für falsch halte.

Günther Netzer, an jenem Tag der erste Sportstudiogast mit fünf Treffern beim Torwandschießen, pflegte seinerzeit ein Playboy-Image. Wie fiel seine Reaktion auf Ihre Trikotentwürfe aus?

Das weiß ich nicht mehr.

Nahmen Sie in den Folgejahren eine Veränderung der Trikotlandschaft wahr?

Ja. Sie wurde aufgeregter und nicht individueller. Sie sind einfach „durcheinanderer“ geworden. Zu spüren ist das heute bei den vielen zugenommenen Fernsehübertragungen. Im Idealfall müssten alle in ihren vereinseigenen Trikots spielen können, ohne sie ständig wechseln zu müssen. Was ich damit meine: Das Bild des Vereins zeigt sich nicht mehr genügend erkennbar in den Auftritten.

Zwei Jahre nach Ihrem Besuch im Sportstudio spielte der Hamburger SV 1976 / 1977 in rosafarbenen Trikots. Der damalige Manager Dr. Peter Krohn wollte den Frauenanteil im Stadion erhöhen. Das hat angeblich auch geklappt. Der weibliche Zuschaueranteil soll auf zehn Prozent gestiegen sein. Auch Sie betonten 1974 im Sportstudio, dass der Frauenanteil mit Hilfe von farbigen Trikots gesteigert werden könne. Wie bewerten Sie das aus heutiger Sicht?

Ich finde, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau wieder einmal auf einen Schwachpunkt des Mannes trifft, in der Betrachtung der Frau. Wenn man als Vorstand eines Fußballvereins, seinen Sport an die Frauen herantragen will, muss man über den Geist des Sports handeln und nicht über angezogene Peinlichkeit. Rosa Trikots sind peinlich als Begründung für das Thema Frau. Männer sollten mit Anstand spielen. Das interessiert die Frau mehr als das Trikot!

Ihr damaliger Lieblingsentwurf war der von Fortuna Düsseldorf. Wie würde Ihr heutiges Lieblingstrikot aussehen?

Es gäbe so viele Lieblingstrikots wie es Mannschaften in einer Liga gibt.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsverein?

Bayern München. Das Wort „Liebling“ ist zu hoch gegriffen. Wenn man eine Beziehung hat, ist es ja noch lange kein Liebling.

Herr von Garnier, vielen Dank für das Interview!



 

Zur Person:

Friedrich Ernst von Garnier wurde am 13. August 1935 in Breslau geboren. Als Künstler, Farbphilosoph, Grafiker, Industrie-Designer, Farbgestalter und Autor wurde er weltweit berühmt. Für seine Werke wurde er vielfach geehrt:

2005: Wirtschaftsmedaille des Landes Rheinland Pfalz, 2005: „Luban“ Chinesischer Architekturpreis, 2004: Preis des Deutschen Dachdeckerhandwerkes, 2003: Deutscher Fassadenpreis für das Wohnhaus Franz-Stephan-Str. 30 in Gera, 2002: Europäischer Stahlbaupreis, 1999: Internationaler Beton-Kunstpreis, 1999: Europäischer Stahlbaupreis, 1985: „Product Award“, USA

Die Auszeichnungen sprechen eine Sprache für sich: Nach seinem Auftritt im ZDF-Sportstudio 1974 widmete sich Friedrich Ernst von Garnier wieder anderen Themen. Ob Farbkombinationen für Fliesen von Villeroy & Boch oder die Ausgestaltung der Fassaden einer Justizvollzugsanstalt. Im März 2002 erarbeitete er für BMW einen Farbvorschlag für einen Formel 1 – Rennwagen. Zu weiteren Berührungspunkten mit Fußballtrikots kam es während seiner „bunten“ Karriere als Farbdesigner und dem legendären Auftritt im Sportstudio nie wieder.

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