Der „Adler“ aus Braunschweig

Von seiner einst über 60 Trikots großen Sammlung aus der aktiven Zeit ist nicht mehr viel übrig geblieben. „Der Großteil wurde mir gestohlen“, bedauert Bernd Franke. Bei vergissmeintrikot.net präsentiert die Torwart-Legende von Eintracht Braunschweig nun drei der übrig gebliebenen Jerseys, die er mit seinen größten sportlichen Erlebnissen verbindet: der WM 1982 in Spanien, den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 und natürlich mit seinem Herzensverein Eintracht Braunschweig.

Seit seiner Unterschrift im Sommer 1971 waren bereits einige Wochen verstrichen, als ihn Horst Wolter während einer Trainingseinheit fragte: „Na, haste wieder Schnee auf dem Knopf?“ Es war ein indirektes Lob seines Konkurrenten auf der Torhüterposition, der auf die überragende Stärke Frankes anspielte – die Sprungkraft. Sie verhalf ihm nicht nur zum Spitznamen „Adler“, sondern auch zum Stammplatz in seiner ersten Spielzeit für Eintracht Braunschweig. Es war der Beginn einer besonderen und selten gewordenen Vereinstreue im Profifußball, die bis heute anhält.

Die Jägermeister-Truppe

Dass er nach dem Bundesliga-Aufstieg mit Fortuna Düsseldorf 70/71 überhaupt zu den Löwen und nicht zum Erzrivalen nach Hannover wechselte, war dem Trainer Otto Knefler zuzuschreiben. „Ihn kannte ich bereits aus meiner Zeit in Saarbrücken, deshalb entschied ich mich für die Eintracht“, sagt Franke, der in einem Jahrzehnt zur Eintracht wechselte, in dem die Elf aus Braunschweig deutschlandweit als „Jägermeister-Truppe“ bekannt wurde. Ganz nach dem Geschmack von Günter Mast. Der Sponsor vom Kräuterlikörproduzenten aus Wolfenbüttel und ehemalige Eintracht-Präsident nutzte 1973 als Erster das Trikot als Werbeplattform für seine Zwecke. "Anstelle des Braunschweiger Löwen im kreisrunden Wappen trugen wir auf Veranlassung von Günter Mast den Hirschkopf auf der Brust. Es kam dann zum Streit mit dem DFB, was Günter Mast nicht störte. Jägermeister war über Wochen in den Medien vertreten. Am Ende“, so Franke, „ging Mast als Sieger hervor.“ Der Beginn des Trikotsponsorings in der Bundesliga.

Gestört habe der Hype um den Jägermeisterhirsch weder ihn, noch die Mannschaft. Ob die ungläubigen Blicke im mit 100.000 Zuschauern ausverkauften Madrider Estadio Santiago Bernabéu Jahre später oder die Sprüche der Gegenspieler, „davon ließen wir uns nie beeindrucken. Die Werbung war doch gut für den Verein und uns!“ Und dennoch: 1973, sechs Jahre nach der ersten Deutschen Meisterschaft, stieg die Eintracht aus der Bundesliga ab.

Es wäre ein guter Zeitpunkt für Franke gewesen, um sich aus Braunschweig zu verabschieden. Der damalige Europapokalsieger Ajax Amsterdam unterbreitete ihm ein Angebot. Doch der „Adler“ blieb seiner Eintracht treu. „Ich fühlte mich wohl in Braunschweig!“ Franke wohnte im Stadtteil Veltenhof. Ganz in der Nähe seiner Mitspieler Danilo Popivoda, Wolfgang Dremmler, Aleksander Ristic und Karl-Heinz Handschuh. „Wir waren eine eingeschworene Truppe, machten Ausflüge in den Harz oder trafen uns gelegentlich zum Frühschoppen am Sonntagmorgen bei meinem Nachbarn!“ Diesen Zusammenhalt wollte er nicht einfach aufgeben. „Außerdem hatte man es als deutscher Spieler in Holland damals nicht einfach.“ Helmut Schön, der Trainer der Deutschen Nationalmannschaft, versicherte Franke zudem, dass er trotz des Abstiegs weiterhin zum Stammkader der Nationalelf zählen werde. „Wenn ich weiterhin gute Leistungen zeige!“ Und das tat Franke, die Eintracht stieg 1974 wieder auf.
Zur Teilnahme an der Weltmeisterschaft im eigenen Land reichte es dennoch nicht. „Weil der Kader für die Weltmeisterschaft frühzeitig benannt werden musste und ich mit der Eintracht noch die Aufstiegsspiele absolvierte. Dass man Spieler nachnominierte, war damals noch nicht üblich!“

„Ich habe mich schon gefragt, warum das ausgerechnet mir passieren musste!“

Das Pech mit der Nationalmannschaft – es zieht sich wie ein roter Faden durch die Karriere von Bernd Franke. Schon 1972, als Deutschland in Belgien seinen ersten EM-Titel ergatterte, verpasste er die Teilnahme. „Wir spielten in Gladbach. Günther Netzer lief auf das Tor zu und zog ab. Ich konnte den Ball nicht richtig festhalten, was Klaus-Dieter Sielhoff ausnutzte. Per Volleyabnahme schoss er mir aus nächster Nähe direkt ans Kinn.“ Diagnose: Gehirnerschütterung. „An die folgenden Minuten habe ich keine Erinnerung. Als ich später im Krankenhaus aufwachte, hatte ich meine Torwarthandschuhe noch immer an.“ Der Traum von der EM – er war geplatzt. Ebenso wie 1976, als mit Sepp Maier und Rudi Kargus nur zwei Torhüter nominiert wurden.

1978 kam es noch dicker für Franke. „Es war ein Testspiel mit der Nationalmannschaft gegen eine Hessen-Auswahl. Kurz vor meiner geplanten Auswechslung zur Pause prallte ich mit Heinz-Rudolf Weiler zusammen und zog mir einen Wadenbeinbruch zu.“ Einen Tag vor der endgültigen Benennung des Kaders für die WM in Argentinien. „Ich habe mich damals schon gefragt, warum das ausgerechnet mir passieren musste.“

„Paul Breitner war ein Eigenbrötler!“

Das Jahr 1978, es zählt nicht nur wegen der verpassten WM-Teilnahme zu denen, an die sich Franke ungern zurückerinnert. Die Eintracht kämpfte gegen den Abstieg. Und das trotz eines namhaften Neuzugangs - Paul Breitner. "Er war ein Eigenbrötler und machte grundsätzlich das Gegenteil von dem, was man von ihm wollte.“ Gift für die eingeschworene Mannschaft, die noch ein Jahr zuvor knapp die Meisterschaft verpasste und nun gerade so die Klasse hielt.
Zur alten Form geschweige denn in die obere Tabellenregion fanden die Löwen auch in den folgenden Jahren nicht mehr zurück. Obwohl sich Breitner nach seinem einjährigen Aufenthalt in Braunschweig mit den Worten „jetzt seid ihr mich wieder los“ in Richtung München verabschiedete.

Auch Bernd Franke hätte zu den Bayern wechseln können, Uli Hoeneß machte ihm 79´ein Angebot. Doch er blieb. Wieder einmal. Und wieder stieg er mit Braunschweig ab, als die Bayern Meister wurden. „In diesem Jahr“, so Franke, „habe ich an ein frühzeitiges Karriereende gedacht. Ich brach mir zudem den Finger und fiel lange Zeit aus.“ Dass er weitermachte „habe ich Uli Maslo zu verdanken.“ Der im Oktober 79´zu den Braunschweigern gewechselte Trainer schenkte ihm nach seiner Verletzung das nötige Vertrauen „und ließ mich spielen. Das war Gold wert für mich.“ Franke erholte sich vom Karriereknick, stieg 1981 zum dritten Mal in die Bundesliga auf und erlebte in den Folgejahren seine persönlichen Highlights.

„Es war eine ganz andere Welt, die Leute hatten einen Walkman!“

Dieses Mal sollte es klappen – er blieb verletzungsfrei. Im Alter von 34 Jahren nahm Bernd Franke 1982 in Spanien erstmals an einer Weltmeisterschaft teil. Seinen bisherigen sieben Länderspielen, in denen die DFB-Elf den Platz stets als Sieger verließ, folgten jedoch keine weiteren. Toni Schumacher war die Nummer 1 im Tor, vielmehr die umstrittene Nummer 1. Besonders sein Kommentar nach dem üblen Foul gegen Battiston im Halbfinale gegen Frankreich (5:4 i.E.) sorgte für Unruhe. „Dann zahl´ ich ihm die Jacketkronen“, sagte Schumacher auf den Hinweis eines Journalisten, dass Battiston einige Zähne verlor. Franke: „Das hätte er sich sparen können.“ Es war der negative Höhepunkt des nicht immer sympathischen Auftritts des späteren Vize-Weltmeisters Deutschland. „Einige Spieler“, so Franke, „hätte Jupp Derwall nach Hause schicken müssen! Das 1:0 gegen Österreich in der Vorrunde tat dem Ansehen der Nationalelf ebenfalls nicht gut.“ Beiden Teams reichte dieses Ergebnis, um in die zweite Finalrunde einzuziehen. So passierte nach dem Führungstreffer von Horst Hrubesch nicht mehr viel im „Nichtangriffspakt von Gijon“. Algerien, das Deutschland im ersten Spiel bezwang, schied dadurch aus. „Nach dieser Weltmeisterschaft war das Image der Nationalelf angekratzt. Man konnte es vor allem an den sinkenden Zuschauerzahlen erkennen.“

Sein schönstes Erlebnis auf internationaler Bühne erlebte Franke zwei Jahre später. „Die Olympischen Spiele in Los Angeles 1984 waren wunderbar. Nicht nur, weil ich im Tor stand.“ Trainer Erich Ribbeck, der „mich schon früher nach Frankfurt und Kaiserslautern holen wollte“, nominierte zwei ältere Spieler. Neben Franke, der mit 36 Jahren zum ältesten Spieler im deutschen Kader zählte, reiste der Bochumer Dieter Bast (damals 32) mit. „Wir hatten eine richtig gute Mannschaft mit Andreas Brehme, Guido Buchwald und Frank Mill“. In Palo Alto bestritt die DFB-Elf all ihre Vorrundenspiele gegen Marokko (2:0), Saudi-Arabien (6:0) und Brasilien (0:1). Im Viertelfinale setzte es in Pasadena eine 2:5-Schlappe gegen den späteren Bronze-Gewinner Jugoslawien. Und dennoch – für Franke war es sein persönliches Highlight. „Ich sah mir öfter den Zehnkampf an, wenn wir nicht spielten. Als Ulrike Meyfarth die Goldmedaille im Hochsprung gewann, war ich auch live dabei. Es war einfach eine ganz andere Welt. Die Leute rannten dort mit einem Walkman rum.“

„Die Braunschweiger Zeitung abonniere ich noch heute!“

Nach seiner aktiven Zeit arbeitete Bernd Franke lange Zeit als Repräsentant für Adidas und kehrte in seine Heimat zurück – das Saarland. Dem Sport blieb er treu. Als Konditionstrainer führte er die Tennisspielerin Kristina Barrois auf den 56. Platz der Weltrangliste. „Heute genieße ich mein Leben als Rentner und golfe sehr gerne!“

Die Zeit bei der Eintracht prägt ihn bis heute. „Die Braunschweiger Zeitung habe ich abonniert. Drei- bis viermal pro Jahr kehre ich nach Braunschweig zurück und gucke mir die Spiele an.“ Und er besucht seinen einstigen Nachbarn in Veltenhof. Dort, wo er in den 70ern mit seinen Mitspielern Popivoda, Dremmler, Ristic und Handschuh einst zum Frühschoppen einkehrte.

2 Kommentare

  1. LarsLorenz (Beitrag Autor)

    Und wie! Die in Kartons verpackten Trikots wurden während eines Umzuges gestohlen…Darunter auch die legendären Jerseys aus den 70ern:(

  2. Bernd Kreienbaum

    Bernd Franke fand ich damals immer gut. Ein starker Torwart, der ohne großes Tamtam immer seine Leistung abgeliefert hat. Dass seine Trikotsammlung geklaut wurde isst natürlich irgendwie bitter.

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